Die Fußballerin

Artikel: Die Fußballerin

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Die Fußballerin

In diesem Sommer ist vieles anders. Die Bahnhöfe sind es, auch die Menschen, maskiert, an den Gleisen. Wenn ich mit dem Zug durch Deutschland reise, habe ich nicht mehr das Gefühl, dass Fremde mit mir im Abteil sitzen. Jeder Mensch ist ein Verbündeter, jemand, der das Gleiche fühlt wie ich.

Die Welt, sie ist im Lärm der Nachrichten stiller geworden. Daher überrascht es mich selbst, als ich in Leipzig am Bahnsteig ein Gespräch beginne. Die Masken machen uns zu einem großen Stück Stoff, durch das wir Gefühle und Intentionen nur erahnen. Ich sehe die Augen einer Frau, die sich mit mir in der Sonne unterhält. Sie trägt ein Surfbrett unter dem Arm, eine Sporttasche dazu. Auf mich wirkt sie, als würde sie überallhin joggen statt zu laufen. Wie jemand, der Salat isst, weil der gesund ist, nicht weil er schmeckt.

Sie sei Ärztin, die sich in ihrem praktischen Jahr befinde. Und jetzt habe sie frei. Sie ist größer als ich, ihre Haare sind zum strengen Zopf gebunden. Früher habe ich Ärzten immer Fragen zu meiner eigenen Gesundheit gestellt. Auch das hat Corona verändert. Heute informieren wir uns über unbekannte andere. „Viele Patienten?“, will ich von ihr wissen. Und sie erzählt von der Klinik, von den Zuständen, von den missachteten Pflegekräften. Von Masken und Maskenmangel. „Ich dachte, du wärst Sportwissenschaftlerin“, sage ich. Und sie lacht.

Wir sitzen mittlerweile im leeren Speisewagen, bestellen aus dem Bistro Cola ohne Zucker und Kaffee. Immer wenn wir einen Schluck nehmen, schieben wir die Maske zur Seite, wie Raucher im Winter einen Schal aus dem Gesicht schieben, um an der Zigarette zu ziehen. Wir fühlen uns verstohlen.

„Du hattest im Übrigen fast recht“, sagt die Ärztin. „Ich war mal Fußballerin.“ Es habe sich aber nicht gelohnt, für das Spiel so viel Zeit und Kraft aufzuwenden. „Wir betreiben diesen Sport ja mit voller Überzeugung, aber wofür?“ Sportliche Anerkennung bekomme man nicht. „Geht es denn um Anerkennung?“, will ich von ihr wissen. Sie nickt. Man würde viel investieren in den Fußball, für die Frauen und die Geschlechterrollen. Aber am Ende interessiere es dann doch niemanden. „Deswegen habe ich damit aufgehört.“

„Es ist wie mit den Pflegern und Covid-19“, sage ich. Sie schuften, sie helfen, sie retten. Wir wissen, dass sie da sind, aber eine Anerkennung bleibt aus. „Woran liegt das wohl?“, frage ich mein Gegenüber. Sie zuckt mit den Schultern.

Ich muss wieder daran denken, dass Corona unsere Welt verändert, so wie wir sie sehen, und frage mich in diesem Moment: Müssten wir nicht mehr anerkennen, was andere leisten? „Ich finde es cool, dass du Fußball gespielt hast“, sage ich. Die Ärztin lächelt. „Danke“, sagt sie.

Unser Kolumnist

Für seine Reportagen ist der Journalist und ­Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von zufälligen Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht mehr los­gelassen haben.