Die Alleinerziehende

Artikel: Die Alleinerziehende

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Die Alleinerziehende

Wenn ich mit der Regionalbahn fahre, fühlt sich das manchmal an wie in einer ehrgeizigen S-Bahn, die endlich einmal mehr will. Nicht nur Stadtteile verbinden, sondern Dörfer und Kreisstädte.

Ich bin auf dem Weg nach Wolgast, fahre durch Mecklenburg-Vorpommern, an die Ostsee. Seen und Wälder ziehen vorbei, dazwischen liegen Orte mit spritzverputzten Häusern mit nur halb aufgezogenen Rollläden vor den Fenstern. Mir gegenüber sitzen eine Frau und ein quengeliges Kind. Die Mutter erkauft sich Ruhe mit Keksen, Comics und dem Versprechen für ein besseres Später. „Dann gehen wir noch mal auf den Hof“, sagt sie. Das Kind, ein Mädchen, gerade im Schulalter, quengelt weiter, so wie ich früher. Auch ich war nervig.

Die Mutter und ich beginnen ein Gespräch. Sie redet schnell und viel, ihre Augen leuchten warm, doch das Gesicht oberhalb der Maske wirkt erschöpft. Sie hat drei Berufe, modelliert Gelnägel von Nachbarinnen, reinigt Ferienhäuser auf Usedom und wischt frühmorgens eine Drogerie. Danach bringt sie ihre Tochter in die Schule, holt sie mittags ab, kümmert sich um die Nachmittage, die Geburtstage. Sie erzählt, ich höre zu. Und frage immer weiter. Das Leben, das sie lebt, alleinerziehend in einer Kleinstadt, ist mir fremd. 

Ich bin nicht bei Vater oder Mutter aufgewachsen, meine Eltern sind bis heute verheiratet. Sie konnten sich meine Pubertät untereinander aufteilen. Die Mutter streng, der Vater verständig. Nur so konnten meine Eltern mich zügeln.

„Ich finde das bewundernswert“, sage ich, „allein ein Kind großzuziehen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Da gibt es nichts zu bewundern“, sagt sie. „Meine Tochter ist der wichtigste Mensch in meinem Leben.“ Der Zug hält zehn Minuten, sie springt auf den Bahnsteig. Will eine rauchen. Ich gehe mit raus.

Sie erzählt von ihren Träumen, von der alten Saftfabrik in Wolgast. „Die kenne ich!“, sage ich. Ein altes Haus zwischen verwilderten Obstbäumen. Ich will wissen, ob sie es sich jemals leisten kann. „Bestimmt“, sagt sie, „irgendwann“, dann zieht sie wieder an der Zigarette. „Aber es ist nicht wichtig“, erklärt sie mir, „es nutzt überhaupt nichts, wegen Geld traurig zu werden.“ Das sage ich mir auch oft. Aber trotzdem sorgen wir uns, ich mich, ständig um Geld. 

Die Frau hat kaum Geld, aber ein glückliches Leben. Sie betont das sehr oft, ich glaube ihr. Und dann sagt sie: „Es ist die größte Anstrengung und zugleich das größte Glück.“ Kurz sacken ihre schmalen Schultern zusammen. „Das Einzige, was ich vermisse, ist ein Mann.“ Nicht mehr allein sein. Wir müssen zurück in den Zug, ich lese der Tochter vor, bis wir in Wolgast sind. Die Frau blickt einfach aus dem Fenster – und ruht sich kurz aus.

Unser Kolumnist

Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs – auf Reisen hat er viel Zeit, um Spiele zu testen. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).