Der Hilfsbereite

Artikel: Der Hilfsbereite

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Der Hilfsbereite

Ein Zug beginnt seine Fahrt immer mit einem Ruck, und sei es ein kaum spürbarer. Bevor es losgeht, achte ich darauf. Dieser Ruck bedeutet einen Anfang und dass es ein Ankommen geben wird. Egal, wohin die Reise geht.

Ich fahre zurück in meine Heimat, nach Berlin. Die Zeit vergeht auf einer Rückreise viel schneller. Auf dem Hinweg, da will ich so lange wie möglich im Zug sitzen, Filme gucken, lesen und so tun, als würde ich arbeiten. Ich kaufe mir Süßigkeiten, die ich mir normalerweise nicht kaufe. Und dann nasche ich, bis mir schlecht wird, und blicke aus dem Fenster. Jetzt aber will ich einfach nur ankommen.

Es regnet. Der Zug ist abgedunkelt, ich bin fast allein. Ein junger Mann betritt den Wagen. „Ist hier noch frei?“, fragt er mich und deutet auf einen Tischplatz gegenüber des Gangs. „Ist noch, ja“, antworte ich ungehalten. Ich hatte das Vakuum genossen. In leeren Kinos setzen sich zu spät kommende Fremde grundsätzlich immer vor mich. Und ich frage mich, warum?

Er wirkt wie ein glücklicher Mensch, als er die Maske kurz abnimmt, um etwas zu trinken. Sein Gesicht zeigt ein breites Lächeln, mit Zähnen, die sich perfekt reihen. Seine blonden Haare trägt er zum Zopf gebunden, dazu eine Bräune, die sich nur durch Surfurlaube erarbeiten lässt. Während er spricht, bewegt er unablässig seine Hände. Er wird viele seltsame Hobbys haben, denke ich, Chor, Gitarre und bestimmt Bouldern.

„Ich habe eine Hilfsorganisation“, sagt er plötzlich, und sofort bin ich aufmerksam. Ich kenne viele solcher Initiativen, aber niemanden, der eine gegründet hat. Schon gar nicht in so jungen Jahren. Auf meinen zahlreichen Reisen gab es einige Momente, in denen ich dachte, ich müsste helfen: mehr Bildung, mehr Essen, mehr Medizin, für andere. Getan habe ich nichts.

„Ich war in Indonesien, auf Weltreise“, erzählt mein Nachbar. „Und dann ist mir aufgefallen, wie schlecht die Zähne der Kinder dort sind.“ Es fehlte an allem, an Zahnbürsten, Zahnpasta und dem Wissen, wie man das alles richtig benutzt. Zurück in Deutschland habe er dann Geld gesammelt. Während andere Studentenleben lebten, trug er Zahnbürsten zusammen und reiste wieder nach Indonesien. „Nicht zum Surfen, ich wollte den Kindern helfen.“

Das beeindruckt mich, aufrichtig. Ich sage es ihm, und dass ich dachte, er sei der verzogene Sohn reicher Eltern. Er lacht, zum Glück. Der Regen hat aufgehört. „Kann man Geld spenden?“, frage ich, und er nickt: „Wir sind darauf angewiesen.“ Es braucht nur einen Ruck, damit sich etwas ändert.
Ein Ruck ist immer ein Anfang.