Terézia Mora: Wie man einen Schatz verliert

Artikel: Terézia Mora: Wie man einen Schatz verliert

Das Literarische Fundstück | Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen.

Den Metalldetektor haben wir im Sand gefunden, vollständig zugedeckt, als hätte jemand Sandjungfrau mit ihm gespielt. Oder jemand wollte ihn vor fremden Augen verbergen, und dann ist noch etwas anderes geschehen, und sie konnten ihn nicht mehr ausgraben. Wir sahen uns in der Nähe der Fundstelle um, ob noch andere Spuren zu finden waren. (Hoffentlich keine Leiche.) Aber nichts, das einen Sinn ergab.

Wir schalteten ihn ein. Wir schauten ihm zu, wie er zum Leben erwachte. Wie wenn man im Staub eines fremden Planeten einen Roboter findet und ihn einschaltet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich trauen würde, auf einem fremden Planeten einen Roboter einzuschalten. Jedenfalls nicht am ersten Tag. Aber das hier war ein Metalldetektor, wie du sofort erkanntest, den dir der Himmel geschickt hatte als Ausgleich für den steinzeitlichen Faustkeil, den ich am Tag zuvor achtlos wieder weggeworfen hatte. Es ist gar nicht sicher, dass es ein Faustkeil war, ich kam nur darauf, weil uns am Abend eine Frau, die hier an der Küste lebt, erzählt hat, dass sie öfter Faustkeile am Strand findet. Und ich sagte: Dann habe ich heute vielleicht auch einen gefunden, er sah genauso aus, aber ich habe natürlich nicht damit gerechnet, dass er echt sein könnte.

Das hat dich sehr aufgewühlt. Ich musste dir am nächsten Morgen die Stelle zeigen, wo das war. Du hast jeden einzelnen Stein dort dreimal umgedreht, aber den Faustkeil nicht wiedergefunden. Keinen Faustkeil, keine Speerspitze. Jemand anderes hatte ihn in der Zwischenzeit ­gefunden, der nicht so dumm war wie ich. Oder ich erinnerte mich nicht richtig an die Stelle.

Ich sagte, dass ich mir, was die Stelle anbelangt, sicher sei, ich mich allerdings bezüglich des Faustkeils geirrt haben könnte. Diese Feuersteine sehen schnell mal so aus, als hätte sie jemand behauen. Außerdem habe ich eine lebhafte Fantasie, und es könnte auch sein, dass ich, als ich die Erzählung der Frau hörte, im Nachhinein einen Faustkeil aus einem ganz gewöhnlichen Feuerstein gemacht habe. Du sahst mich an, als könntest du das alles gar nicht glauben.

Wir gingen weiter über den Strand mit den Steinen, bis es keine Steine mehr gab und der Sandstrand begann. Du gingst, den Blick nach unten gerichtet, du wolltest unbedingt etwas finden, wenigstens etwas, wenn es schon kein Faustkeil war. Bernstein. Auf sandigen Stränden findet man mehr Bernstein.

Den Metalldetektor fanden wir, weil ich, ungeschickt wie ich nun einmal bin, über ihn fiel. Mein Fuß verhakte sich in der Stange. Ich knallte der Länge nach hin.

Du: Was ist jetzt wieder?

Ich weiß nicht.

Ich hob einen Fuß aus dem Sand, die Stange lag quer darüber.

Du ließest dich auf die Knie fallen, begeistert.

Das ist ein Metalldetektor! Wo sind die Kopfhörer?

Wir durchwühlten den Sand, aber da waren keine Kopfhörer.

Macht nichts, sagtest du. Es geht auch so.

Du bewegtest ihn sanft über den Sand. Er machte kaum hörbare Geräusche, aber das reichte dir. Für die nächsten Stunden war nichts anderes mehr da. Wir gingen über den Strand, und du schwenktest das Metallsuchgerät.

Die Profis, sagtest du, erkennen an der Art des Piepens, was sie gefunden haben: eine Münze oder einen Kronenkorken.

Wir fanden sowohl als auch. Du freutest dich über jeden einzelnen Fund. Kronenkorken mit Stern, Kronenkorken mit Bär, Zwei-Cent-Stück, das nur noch an seiner Größe zu erkennen war. Wir gingen lange, lange über den Strand, es wurde schon dunkel, ich fror wie noch nie in meinem Leben. Lass uns gehen, lass uns gehen. Aber du warst unansprechbar und ich nur eine jammernde Stimme vor dem Murmeln des Meeres, hin- und hergeworfen vom immer kräftigeren Wind. Gleich gehe ich. Such du doch den verdammten Strand mit einem halben Metalldetektor ab, wenn du das so unbedingt willst, ich will ins Helle, ins Warme, ich will nach Hause, ganz nach Hause, wir haben für heute keine Unterkunft mehr, ich schleppe die ganze Zeit auch noch meinen Rucksack mit, das sollte der letzte Spaziergang am Strand sein, und jetzt sind wir immer noch hier.

Dann versagten die Batterien. Gott sei Dank versagten endlich die Batterien.

Komm, sagte ich. Komm schon, wir verpassen den letzten Zug!

Du kamst, aber du nahmst den Metalldetektor mit. Natürlich nahmst du ihn mit. Man braucht nur neue Batterien und einen neuen Kopfhörer. Ich hätte ihn am liebsten wieder eingegraben oder nicht einmal das, einfach liegen lassen. Das ist bestimmt so eine Art verfluchte Wunderlampe, deswegen war er im Sand vergraben, wer ihn findet, wird verhext, dazu verdammt, ewig über Strände, Felder, Straßen zu wandern auf der Suche nach nicht vorhandenen Schätzen.

Du schlepptest auch einen Rucksack und dazu noch den Detektor, aber der war nicht schwer, nur lang. Du schaltetest ihn immer wieder ein und aus, weil er dann für ein, zwei Sekunden, für einen Piepser wieder ins Leben zurückkam. Auf dem ganzen Weg zum Bahnhof. So marschierten wir durch die Dunkelheit, die Kälte. Als wir endlich den Bahnhof erreicht hatten, waren meine Finger so klamm, dass ich kaum die Karte am Automaten lösen konnte. Während du neben mir aus dem ganzen Körper Wärme ausstrahltest. Ich sage doch, das Teil ist verhext. Oder es war nur die Hitze der Jagd?

Du lehntest den Detektor an die Seite des Automaten, um deine eigene Fahrkarte zu lösen, da fuhr schon der Zug ein. Ich schrie, während ich schon rannte:

Komm schon, beeil dich! Das ist der letzte für heute!

Auch du ranntest los, dann fiel dir ein, dass der Detektor noch da lehnte. Ich sah es an deinen weit aufgerissenen Augen: diesen Moment, in dem du entscheiden musstest: den letzten Zug vor dem ­nächsten Morgen nehmen oder zurücklaufen und ihn holen. Du entschiedest dich für den Zug. Also, wenn ich will: für mich.

Danke, sagte ich. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn du zurückgegangen wärst.

Dabei weiß ich es. Ich wäre nicht wieder ausgestiegen.

Du sagtest lange nichts. Anfangs starrtest du aus dem Fenster, bis es so dunkel wurde, dass du nur noch dich und mich in der Scheibe sahst, dann starrtest du eine ganze Weile in dein Telefon.

Das Ding war 400 Euro wert, sagtest du schließlich.

Du lehrtest den Inhalt deiner Taschen auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster aus. 2 Euro und 16 Cent und ein Piercingring. Die Kronenkorken und die Haarklammer in Form eines silbernen Sterns hattest du gleich wieder in den Sand geworfen.

400 Euro, verdammte Scheiße, sagtest du.

Aber er war doch kaputt!, sagte ich.

Nur die Batterien. Es sind ganz normale Batterien drin.

Fast hätte ich: Es tut mir leid gesagt, aber ich blieb stur und sagte nichts mehr.

Die Autorin: Terézia Mora

Autorenprofil 

Als kleines Kind habe sie sich geschworen, ihre Heimat schnellstmöglich zu verlassen, sagte Terézia Mora mal über sich. 1990 bot sich die Gelegenheit: Die 1971 Geborene zog vom ungarischen Dorf Sopron, in dem ihre Familie zur deutschen Minderheit gehörte, nach Berlin. Dort studierte sie Hungarologie, Theaterwissenschaften und Drehbuch, später begann sie zu übersetzen und selbst zu schreiben. 2004 erhielt sie für ihren Roman „Alle Tage“ zum ersten Mal die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums und den Preis der Leipziger Buchmesse. Dieser Auszeichnung folgten weitere, unter anderem 2013 der Deutsche Buchpreis für „Das Ungeheuer“ und 2018 der Georg-Büchner-Preis. Ihr jüngster Roman heißt „Auf dem Seil“ (2019, Luchterhand Literaturverlag).