24 Stunden in... Jena

Artikel: 24 Stunden in... Jena

Zum ersten Mal in der Stadt? Kommen Sie mit. Unsere Autorin Maria Timtschenko entdeckt Jena.

Wann immer ich bisher per Bahn durch Thüringen fuhr, rätselte ich beim Halt am Bahnhof „Jena Paradies“, worauf sich der biblische Name bezieht. Nun weiß ich: Es ist der Stadtpark, dessen Auen schon seit dem Mittelalter so heißen. Und ja: Jetzt, da ich mittendrin stehe und auf der Saale ein Tretbootschwan vorübergleitet, erahne auch ich in den grünen Fluren Paradiesisches.

Ich will mit Jena aber nicht zu streng sein. Ist schließlich nicht leicht, stets an diesem Namen gemessen zu werden, der bei jeder Gelegenheit zu Werbezwecken strapaziert wird. Trotzdem hoffe ich, auch im Stadtzentrum Paradiesisches zu finden. Ich spaziere also gen Norden zur Schillergasse (die von der Schillerstraße abgeht), in der Schillers Gartenhaus steht, das wiederum in der Obhut der Friedrich-Schiller-Universität ist. 1797 kaufte der Dramatiker das Häuschen und schrieb Teile des „Wallenstein“ hier. Abends saß er oft mit Johann Wolfgang von Goethe im Garten, dann plauschten die Dichterfürsten an dem unscheinbaren Steintisch, an dem ich jetzt raste. Ein Goethe-Zitat auf einer Tafel bescheinigt dem Garten, die beiden hätten hier „manches grosse Wort“ gewechselt. Ich habe nur meinen Hund dabei, mit dem ich wahrlich kein großes Wort wechseln kann. Ob der Ort wenigstens den Professor und die Studenten inspiriert, die gerade auf Schillers Wiese ein Seminar abhalten?

Überhaupt durchweht die 100 000- Einwohner-Stadt der Geist des Geistigen. Nahe dem Botanischen Garten und dem dienstältesten Planetarium der Welt: nochmals Goethe, denn hier steht das angeblich älteste Denkmal für ihn. „Zierlich denken, und sueß erinnern, ist das Leben im tiefsten Innern“, heißt es auf dem Sockel. Das steht im starken Kontrast zu dem Spruch auf einem Auto, das im Philosophenweg an mir vorbeirauscht: „S gladdschd glei“, zu hochdeutsch: Gleich klatscht’s. Wenn’s drauf ankommt, pflegen sie auch in Jena eine eher unakademische Sprache.

Jeder fünfte Jenenser (hier geboren) oder Jenaer (zugezogen) studiert hier. Jessica Weiß, 35, zählte auch dazu, dann eröffnete sie das Kabuff, ein Hybrid-Café, in dem es neben Cupcakes auch Stoffe gibt. „Durch die Jungen ist die Stadt ständig in Bewegung“, sagt Weiß. Und ein Freund, gebürtig aus Jena, aber nach Leipzig verzogen, schreibt mir: „Jena ist das neue Leipzig!“ Tatsächlich können die thüringischen Wickelklöße, die im Gasthaus Daheme am Johannisplatz serviert werden, gut mit denen meiner sächsischen Mutter mithalten.
Spätestens als ich anderntags vom 28. Stock des Jentowers über die Stadt blicke, kommt es mir: Jena, eingebettet ins Grün des Thüringer Waldes, ist vielleicht kein vollkommenes Himmelreich. Aber ein Paradieschen, das schon.

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