Mit Bordmitteln ins Hier und Jetzt

Artikel: Mit Bordmitteln ins Hier und Jetzt

Tauberts Anleitung zum Zeitvertreib

Als ich Philipp das erste Mal traf, trug er einen Pelzmantel und zwei gewaltige Bullenhörner auf dem Kopf. Es war auf einem Festival, und er fragte, ob ich bei seinem Seminar „Get high on your supply“ mitmachen wolle. „Was bedeutet das?“, fragte ich. „Dass ich ohne Drogen einen Trip habe?“ Er nickte, die Bullenhörner vergrößerten die Geste unverhältnismäßig. „Du konzentrierst dich nur auf deine Atmung und atmest immer tiefer und heftiger.“ Atmen? Sauerstoff rein, Kohlendioxid raus? Das war’s? Die Hörner wippten stärker.

Tatsächlich hatte ich davon schon gehört. Der tschechische Psychiater Stanislav Grof hatte das „holotrope Atmen“ entwickelt, nachdem er lange mit LSD therapiert hatte, was aber in vielen Ländern in den 70er-Jahren verboten wurde. Grof entdeckte, dass man ähnliche Bewusstseinszustände auch durch gezielte Hyperventilation und Musik erreichen kann. Im Seminar mit Philipp (ohne Hörner, aber mit sanfter Stimme) kribbelten meine Gliedmaßen, und ich sah bunte Farben. Danach war ich bester Laune, hatte Lust auf Sex und begann, mich mit dem Atem als Superpower zu beschäftigen. Über bewusstes Atmen, wurde mir klar, kann man alles lösen – und im Jetzt ankommen.

Im Zug sitzend würde ich Sie nur ungern in Richtung intensiver Bewusstseinserweiterung schicken – das sollte professionell begleitet werden. Aber Sie können sich ja schon mal langsam ranatmen. 

Zum Entspannen atmen Sie auf vier Zähler ein und auf acht ruhig und tief aus – immer durch die Nase. Zählen Sie gleichmäßig und schicken Sie den Atem bis hinab in den Bauch. Wenn Sie die Hand drauflegen, spüren Sie, wie er sich hebt und senkt. Auf dem Bahnsteig angekommen, mit Sicherheitsabstand und desinfizierten Händen, können Sie sich einen Frischekick geben: Atmen Sie jeweils auf vier Zähler durch das rechte Nasenloch ein und durch das linke aus, indem Sie – durch Ihre Maske – je ein Nasenloch mit dem Finger zudrücken. Wenn Sie darüber hinaus psychedelische Erfahrungen machen wollen, lenken Sie Ihre Schritte zu einem Atemtrainer. Mit Hörnern oder ohne.


Hier gibt Autorin Greta Taubert jeden Monat Tipps für den Müßiggang im Zug. Haben Sie Ideen, Lob, Kritik? Schreiben Sie an zeitvertreib@dbmobil.de