Mariana Leky: Nur keine Umstände

Artikel: Mariana Leky: Nur keine Umstände

Das Literarische Fundstück | Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen.

Natürlich hatte Herr Ferber einen Gangplatz gebucht. Er hätte gern einen Fensterplatz genommen, aber es konnte ja sein, dass man mal zur Toilette wollte, und dann hätte man seinem Sitznachbarn Umstände machen müssen.

Herr Ferber war Augenarzt, und seine Mitarbeiterin Frau Brück und seine Patienten sahen in ihm einen außerordentlich liebenswürdigen Menschen. (Sie fanden ihn allerdings auch etwas umständlich. Wie viele Leute, die auf gar keinen Fall Umstände machen wollen, breitete Herr Ferber oft erst mal alle möglichen Umstände zur Ansicht aus, um sie dann umständlich wieder zu verräumen.)

Außer Frau Brück und den Patienten gab es kaum jemanden in Herrn Ferbers Leben, weil er sich im Grunde vor Menschen fürchtete, wenn ihre Gesichter nicht in ein Spaltlampenmikroskop eingepasst waren. Frau Brück lag viel an Herrn Ferber, deshalb arbeitete sie nicht nur in seiner Praxis, sondern auch an seiner Freizeit mit, und sie versuchte ständig, sein Leben zu verbessern. Sie brachte ihm ein Keilkissen für den unteren Rücken, auf das Herr Ferber sich setzte, obwohl er einen problemlosen Rücken hatte. Sie brachte ihm Bücher gegen Schüchternheit, über die Herr Ferber sich so lange beugte, bis er beinahe doch Rückenprobleme bekam. Und letzte Woche, an seinem Geburtstag, hatte Frau Brück mit einem gebrauchten Einrad vor der Tür gestanden und einem Gutschein für einen Einradkurs in Wuppertal.

Sie wisse, hatte Frau Brück gesagt, dass ihm dieses Geschenk erst mal komisch vorkomme. Und das tat es: Nichts könnteHerrn Ferber ferner liegen als ein Einrad. Es sei aber hervorragend für den Rücken und für das innere Gleichgewicht, beteuerte Frau Brück, hervorragend für eigentlich alles, was innen war und nicht im Lot. Und in einem Einradkurs könne er sich zudem seinen sozialen Ängsten stellen, sagte Frau Brück, mit Mitte 50 müsse man das mal tun: sich seinen Ängsten stellen, und zufällig biete ihre Tochter neuerdings Einradkurse in Wuppertal an, sagte Frau Brück und winkte mit dem Gutschein. Herr Ferber, der schon vieles in vielen Augen gelesen hatte, sah in Frau Brücks Augen neben einer abklingenden Oberlidhautentzündung eine ausgewachsene Begeisterung. Und weil es Frau Brück bestimmt große Umstände gemacht hätte, wenn Herr Ferber ihr die Begeisterung aus den Augen gewischt hätte, und weil Frau Brücks Tochter mit Einradkursen in Wuppertal beruflich nun vielleicht endlich auf einen grünen Zweig gekommen war, hatte er gesagt: „Ich fahre.“ Er hatte diesen Zug nach Wuppertal bestiegen, das sperrige Rad bei sich wie ein überdimensionales Satzzeichen, das er nicht kannte.

Auf halber Strecke wurde Herr Ferber, ein Meister des inneren Hin und Hers, des umständlichen Abwägens, von einem Gedanken gepackt, der kein inneres Hin und Her zuließ. „Ich kann das nicht“, dachte er, er dachte es mit überdimensioniertem Satzzeichen. Und was das überhaupt für eine Formulierung sei, dachte er, „sich seinen Ängsten stellen“, als wären Ängste eine Behörde, und dann tat Herr Ferber zum ersten Mal seit langer Zeit etwas ohne Abwägung: Er suchte sich einen neuen Platz, in einem anderen Wagen, und das Einrad ließ er stehen.

Jetzt saß Herr Ferber auf seinem brandneuen Platz, mit einem Herzklopfen, wie man es von Verliebtsein oder Panikattacken kennt.

Das herrenlose Einrad fand kurz darauf Herr Klose, der Zugchef. Sein Haare, die Herr Klose in einer schulterlangen grauen Dauerwelle trug, waren verschwitzt. Er hatte heute viele Durchsagen machen müssen: Verzögerungen im Betriebsablauf, nicht wartende Anschlusszüge und natürlich immer wieder der Hinweis auf die Rostbratwürstchen im Bordrestaurant.

Das Einrad fand er schön. Es bestand nur aus dem Nötigsten, es war ganz ohne Drumherum, und Herr Klose war, gerade wegen des Betriebsablaufs und der Rostbratwürstchen, sehr empfänglich für das Fehlen allen Drumherums. Ich könnte Einrad fahren lernen, dachte er, bestimmt gibt es da Kurse. Kurz sah er vor sich, wie er künftig die Fahrkarten auf einem Einrad kontrollierte, und bei seiner Durchsage, dass der Besitzer des Einrads, falls noch an Bord, sich beim Zugchef melden solle, kam ihm seine Stimme seltsam wehmütig vor.

Herr Ferber versuchte derweil, sich hinter einer Zeitschrift zu verstecken. Denn nun hatte er nicht nur dem Zugchef Umstände bereitet, der seinetwegen eine Durchsage machen musste, sondern auch allen Reisenden, die aufgrund dieser Durchsage aus ihren umstandslosen Gedanken gerissen wurden.

In Wagen 34 fiel Herrn Klose ein Fahrgast auf, der sich die DB MOBIL verkehrt herum vors Gesicht hielt. „Ihnen gehört das Einrad“, sagte Herr Klose Herrn Ferber auf den gesenkten Kopf zu, er sagte es in Herrn Ferbers Ohren wie eine  Behörde. Als Herr Ferber aufsah, stellte er allerdings fest, dass Herr Klose, wenn überhaupt, eine sehr freundliche Behörde war, eine Behörde mit eigentümlicher Frisur.

Herr Ferber ließ die Zeitschrift sinken, sah Herrn Klose an und sagte nichts. Seine Augen aber hielten das Schweigen nicht durch. „Ich will dieses Einrad nicht“, sagten sie.

Herr Klose, weil er empfänglich war für das Fehlen jeden Drumherums, verstand Herrn Ferbers Augen. „Wer will denn bitte kein Einrad?“, fragten Herr Kloses Augen, sie fragten es mit leicht rheinischem Akzent, und Herr Ferber, weil er Augenarzt war, verstand die Augen umstandslos.

„Es ist etwas umständlich, ich zu sein“, sagten Herr Ferbers Augen, sie sagten das so leise, dass Herr Klose sein Gesicht ganz nahe an Herrn Ferbers Augen halten musste. Herr Ferber wunderte sich, dass ihn das nicht beunruhigte, obwohl Herr Kloses Gesicht in nichts eingepasst war. Herr Kloses Augen seufzten. „Wem sagen Sie das“, sagten sie und: „Ich hinterlege das Einrad im Fundbüro. Falls Sie es sich anders überlegen. Okay?“

„Ich überlege es mir bestimmt nicht anders“, antworteten Herr Ferbers Augen, und weit und breit gab es in ihm kein inneres Hin und Her, und auf der jetzt frei geräumten inneren Weite und Breite war auf einmal viel Platz. Platz zum Beispiel für den Gedanken, dass man Leuten auch mit etwas anderem eine Freude bereiten kann als mit keinen Umständen.

„Es wäre mir eine Ehre, Ihnen das Einrad zu schenken“, sagten Herr Ferbers Augen, aber da tippte ein Fahrgast Herrn Klose auf die Schulter, um sich darüber zu beklagen, dass die Rostbratwürstchen im Bordrestaurant aus waren. Herr Ferber wusste also nicht, ob Herr Klose den letzten Satz noch hatte verstehen können. Er hoffte es. Er hoffte es bis Wuppertal, beim Warten auf den Zug nach Hause und die ganze Rückfahrt über. Er hatte ja Platz dafür.

Die Autorin: Mariana Leky

Autorenprofil

Mariana Leky, geboren am 12. Februar 1973 in Köln als Tochter einer Gesprächstherapeutin und eines Gefängnispsychologen und Psychoanalytikers.

Sie begann eine Buchhändlerlehre, studierte dann Germanistik in Tübingen und Kulturjournalismus in Hildesheim. Ihren Debütroman „Erste Hilfe“ veröffentlichte sie 2004. „Was man von hier aus sehen kann“ (Dumont, 20 €) erschien 2017. Die unabhängigen Buchhändler kürten es zu ihrem Lieblingsbuch, der Roman über die Liebe, das Erwachsenwerden und das Verlassen der Provinz stand mehr als ein Jahr lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Er wird derzeit fürs Kino verfilmt. Leky wohnt mit ihrer Familie in Berlin.



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