Joachim Bessing: Strom des Lebens

Artikel: Joachim Bessing: Strom des Lebens

Das Literarische Fundstück | Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen.

Auf ihrer vorletzten Fahrt, damals noch ohne Akkordeon, hatte sie den Zug in einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands bestiegen. Es war nicht ihre Heimatstadt, nie würde sie Waren als ihre Heimat bezeichnen können, obwohl sie nun schon länger als die Hälfte ihres Lebens dort am größten Binnensee des Landes lebte.

Zur Welt gekommen war sie im Süden. Nie hatte sie den Weg zurück zu einem Leben dort wiederfinden können, denn kaum war sie in ihrer Herkunftslandschaft angelangt, im Angesicht der lieblich schaukelnden Hügel, der dunklen Waldsäume, der Schlehenhecken, in deren Verhau der Neuntöter seine Vorräte auf Dornen spießte, zog es sie in den Norden fort; so war dies, ihr Gefühl, wirklich: Ein Ziehen im Magen, wie im Augenblick des Verliebens, wenn man alles voneinander wissen will und noch gar nichts anderes weiß. Und kaum war sie dann zurück an ihrem See, kaum die Reisetasche in die Ecke gepfeffert und die Schuhe von den Füßen geschilfert, meldete sich ihr altes Ziehen zurück. Auch dort bist du nicht daheim, schien es zu melden. Dir fehlen die Hügel, dir fehlt der Himmel, der dort unten so viel weiter oben ist, als hier oben. Und gerade diese Wehmut, dieses Sich-hin-und-hergezogen-Fühlen war ihr ganz recht.

Ihr Bruder war da anders. Ihr Bruder war straight: Nach der Schule ein Studium, „gezielt“, dann rascher Aufstieg in der Papierbranche, aber nicht, weil er sich groß für Papier oder gar Gedrucktes interessierte (im Gegenteil, bis auf Verträge und Geldscheine), dafür umso mehr für Finnland. Das war ihre Gemeinsamkeit: Liebe zur Natur. Bei beiden derart stark, die Altersgenossen mutmaßten „übertrieben“ ausgeprägt, dass von ihr wie ihm ein Alleinesein mit der Natur als Höchstes der Gefühle empfunden wurde. Wie in dem englischen Gedicht, das von einer Welt mit Landschaften ohne Menschen träumt, inmitten deren grüner Leere eine Häsin ihre Ohren aufstellt. Und so gab es für sie kein Zögern, nichts da, sie zu halten, als die erste Postkarte von ihm eintraf, die eine Ansicht zeigte von dem herbstlichen Birkenwald dort. Hoch oben in Finnland, am nördlichen Kap Europas: Inari.

Von Berlin aus (Schnell weg! Großstadt, Hauptbahnhof, Menschen, würg!) mit dem Nachtzug nach Malmö. Durch den Moos- und Flechtenreichtum Schwedens über die Grenze, die kaum zu spüren war („Europe Endless“ von Kraftwerk auf den Ohren), bis dann bald hinter Turku ihr die signifikanten Verschiebungen im Spektrum der Grüntöne von Finnland kündeten. Noch weniger Menschen. Wie schön musste dann erst Norwegen sein, wo es sogar ein Gesetz geben sollte, dass die Norweger sich einander nicht näher als zwei Kilometer auf die Pelle rücken dürfen beim Häuserbau.

Tja, sagte der Bruder. Und dann erst der Waldreichtum. Die vielen Birken. In der Ferne dampfte es aus dem hohen Kamin seiner Papierfabrik. Sein Haus: schön klein. Bescheidenheit ist eine Zier. Es gab nicht einmal eine Küche. Besitz besitzt. Das sah sie haargenau so. „Ich führe dich aus.“

Unaussprechlich in seiner meterlangen Bandwurmhaftigkeit aus, vor allem, Umlauten, war der Name der Gaststätte. Nach dem zweiten Wodka gelang es ihr schon besser. Wenn man die Menschen nicht verstand, konnte man sie leichter ertragen, fiel ihr ein. Ja, sie fand die Finnen süß. Besonders den einen, der wie ein polnischer Gewerkschaftsführer ausschaute. Prompt setzte der sich zu ihnen an den Tisch und fragte, ob sie Tango mochte. Auf Spanisch mit seinem Akzent: „Lieben sie Tango?“

Und sie, mit aufgerissenen Augen: „Por supuesto que no!“

Darauf tranken sie. Und als er dann sein Akkordeon, funkelnd blau, die weißen Tasten mit Perlmutter besetzt, aus dem Koffer geholt, den Balg der Ziehharmonika voll Kneipenluft gepumpt, mit seinen kurzen Fingern über die Tasten eher wischte, denn sie zu drücken: Oh ja doch. So dann allerdings schon!

Sie hatte nicht gewusst, dass die Finnen den Tango erfunden hatten. Jetzt glaubte sie es (ihm). Auflösung in einem einzigen, von allen in dieser Nacht zugleich verspürten Wohlgefallen. Ihr Bett im Haus des Bruders blieb von ihr unberührt. Bald würde es wieder für lange Zeit nie wieder dunkel werden über Inari. Doch heute war der Himmel noch ein vorletztes Mal nachtkrabbenschwarz. Und es leuchteten die bunten Punkte einer Glühbirnenschnur.

Fahren oder Bleiben — die ganze Fahrt über ließ sie ihre Waagschalen auspendeln. Ihrem Empfinden nach fuhren sie hinunter durch Finnland. Ihr Erdkundelehrer würde freilich widersprochen haben: Global betrachtet fuhr sie hinauf. Schon in Dänemark schaute sie draußen auf allzu viele Menschen. Überall Häuser. In Deutschland kamen dann noch die fürchterlichen Straßen, die verschüttete Landschaft mit den insektenhaft strömenden Autos dazu. Auf dem Weg vom Bordrestaurant zurück zu ihrem Platz, kein Heim!, betrachtete sie das Gelenk zwischen den Waggons. Ein Zwischenreich mit Wänden aus knarzendem, gefaltetem Planenstoff — wie eine Ziehharmonika! Die Welt war ein Synthesizer, dem dieser Balg den Strom des Lebens einhauchte. Damit man ins Singen kam. Ein altes Lied.

Sie langte nach der Schließe am Akkordeonskoffer. Ihr Abschiedsgeschenk. Bleischwer. Ballast. Und ließ es bleiben.

Der Autor: Joachim Bessing

Autorenprofil

Joachim Bessing, Jahrgang 1971, geboren und aufgewachsen im württembergischen Heimerdingen, machte 1999 als Mitherausgeber des Buchs „Tristesse Royale: Das popkulturelle Quintett“ von sich reden. Seitdem hat er das Feld der Popliteratur für sich ständig erweitert, schrieb Theaterstücke und arbeitete als Übersetzer. Romane wie „Wir Maschine“ und „untitled“ zeigten ihn als wachen Chronisten der Gegenwart. Als Mitherausgeber der Website waahr.de betreibt er ein Archiv für literarischen Journalismus, in dem Texte von mehr als hundert Autoren zu finden sind. Jüngst veröffentlichte er Essays über Bonn und über Emojis. Bessing lebt in Frankfurt am Main.

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Übrigens: Das Akkordeon der Marke Galotta wurde im Vogtland gebaut, ein Zentrum des Instrumentenbaus rund um die Kleinstadt Markneukirchen.

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