Jetzt geht’s live

Artikel: Jetzt geht’s live

Pandemie hin oder her: Im September soll mitten in Hamburg Europas größtes Clubfestival stattfinden – das Reeperbahn Festival 2020. Kann das gut gehen? Konzertveranstalter und Künstler aus aller Welt schauen jedenfalls gespannt auf das einmalige Experiment. DB MOBIL wagte einen frühen Backstage-Besuch. Text: Aileen Tiedemann

Auf einem abgewetzten Sofa in einem Proberaum in Hamburg-Altona sitzt ein Mann mit lockigem Haar, die E-Gitarre in der Hand. Er hat sich gerade wieder mal verspielt. Frank Spilker, Sänger und letztes Gründungsmitglied der Band Die Sterne, versucht sich an „Das Herz schlägt aus“. Hat er selbst geschrieben, der Song ist von der neuen Platte „Die Sterne“. „Das Album ist mir einfach noch nicht in die Muskulatur übergegangen“, erklärt er. „Ich hab viel zu lang nicht mehr live gespielt.“ Seit März, als die Tour nach wenigen Shows abgebrochen wurde. Wegen des Ausbruchs der Corona-Pandemie.

Jetzt geht es wieder ans Proben. Die Band wird beim Reeperbahn Festival in Hamburg auftreten. Es soll vom 16. bis 19. September stattfinden. Im geplanten Zeitraum zwar. Aber bei Weitem nicht so wie sonst.

Im vergangenen Jahr wurden beim größten Clubfestival Europas 50 000 Besucher gezählt, die an vier Tagen und Nächten durch St. Pauli zogen. Sie besuchten 600 Konzerte in Clubs, Theatern, Kirchen und sogar in der Elbphilharmonie. Weitere ungezählte Besucher schlenderten über den Kiez, ohne einen Festivalpass zu besitzen – einfach, um die Stimmung zu genießen, die Soundfetzen aus den Clubs aufzuschnappen oder den spontanen Straßenkonzerten beizuwohnen, die hoffnungsvolle Musiker auf den Plätzen des Viertels darboten.

Das Reeperbahn Festival ist mehr als ein langes Konzertwochenende – es ist eine Art Weltmesse der Musikindustrie. 6000 Fachbesucher aus 52 Nationen reisten 2019 an, darunter zahlreiche Journalisten, Talentscouts und Konzertbooker, die im Line-up alljährlich nach den Stars von morgen suchen. Der englische Popsänger Ed Sheeran und die kanadische Indierock-Band Bon Iver spielten hier schon, als sie noch kaum jemand kannte.

Andere Branchentreffen dieser Größenordnung gibt es international nur wenige. Das „South by Southwest“ in Austin, Texas, und „The Great Escape“ in England zählen dazu. Aber die fielen dieses Jahr aus, wegen Corona. Deshalb werden noch mehr Augen und Ohren als sonst in diesem Jahr auf Hamburg gerichtet sein. Livekonzerte in Corona-Zeiten – wie soll das gehen?

 Selbst einer wie Spilker, eines der Urgesteine der hiesigen Bandszene („Was hat dich bloß so ruiniert?“) wagt noch keine Prognose. Die Sterne treten beim Festival in der Kirche St. Michaelis auf, im bestuhlten Michel. „Das wird ganz neu für uns, denn wir machen ja sonst sehr körperorientierte Musik“, sagt er. „Vor einem sitzenden Publikum spielen wir extrem selten.“

Leere Stühle für den Sicherheitsabstand, kein Drängeln an der Bar: Stehen die vielen Regeln, die es zu beachten gibt, nicht dem Spaß im Wege? „Man belügt sich selbst und die Fans, wenn man es so verkauft, als sei jetzt alles wieder so wie vorher“, sagt Spilker. „Der Reiz von Liveauftritten besteht ja darin, Teil einer Menschenmenge zu sein, die sich gegenseitig befeuert.“ Trotzdem findet er es gut, dass das Festival in diesem Jahr nicht ausfällt. „Um der Branche wieder Hoffnung zu machen.“

Ein ganzer Wirtschaftszweig blickt nach Hamburg: 1200 bis 1500 Veranstaltungsorte für Livemusik verteilen sich aufs Land, nach Schätzungen der LiveKomm, dem Verband der deutschen Musikspielstätten. 120 Konzerte steigen in jedem Club durchschnittlich pro Jahr.

Ein paar tapfere Versuche gab es in diesem Sommer, Musik wieder live auf die Bühne zu bringen. Nena spielte in Köln ein Konzert in der nur zu zehn Prozent gefüllten Lanxess Arena. Tim Bendzko trat unter strengen Hygieneregeln vor 4000 Fans in Leipzig auf, im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie über Großveranstaltungen. Unter freiem Himmel fanden im ganzen Land Picknick- und Autokino-Konzerte statt. Verbreitetes Urteil von Fans und Künstlern: besser als nichts, aber nicht das Wahre. An kleine Clubs hat sich bislang noch kaum einer gewagt. Aus gutem Grund kann man sagen: Das Reeperbahn Festival ist dieses Jahr so wichtig wie nie.

Der Hamburger Senat fördert es ohnehin, schließlich ist das Festival für ihn von unschätzbarem Wert, um die Hansestadt als Musikmetropole international zu verankern. Dieses Jahr fließen eine halbe Million Euro extra, damit die geltenden Hygieneregeln eingehalten werden können.

Kulturminister Carsten Brosda hat deutlich gemacht, dass er das Geld gut angelegt sieht: „Das Reeperbahn Festival soll als Experimentierfeld genutzt werden“, sagte er vor der Hamburger Bürgerschaft. „Um zu sehen, was gehen kann und wie es sich anfühlt.“ Was in Hamburg funktioniert, werden Veranstalter in Köln und Berlin, in Rostock und Regensburg so nachmachen wollen. Vielleicht auch in Birmingham, Barcelona oder New York.

Seit Mai arbeiten die Organisatoren des Hamburger Reeperbahn Festival daran, das Event coronafest zu machen. Zusammen mit einem Unternehmen, das sich auf Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen spezialisiert hat, sprachen sie mit Juristen und Medizinern, um Hygienevorschriften zu entwickeln. Sie sehen etwa vor, dass jeder Club nach einem Konzert gelüftet und desinfiziert werden muss. Weil aber keine Spielstätte der anderen gleicht, braucht jede eigene Regeln und muss vorher genau inspiziert werden.

An einem verregneten Vormittag Ende Juli betreten Tanju Börü und Hannes Vincent, die beiden Produktionsleiter des Reeperbahn Festivals, den Nochtspeicher, einen schummrig beleuchteten Kiezclub. Zusammen mit Betreiber Constantin von Twickel besprechen sie die Abläufe während des Festivals. „60 Leute werde ich unter Einhaltung der Abstandsregeln hier unterkriegen“, sagt von Twickel. In seinen Laden passen sonst bis zu 300 Personen. „Ich stelle es mir so vor, dass alle wie in einem alten Jazzclub an Tischen mit kleinen Lämpchen sitzen und wir ihnen die Getränke an den Platz bringen, um Gedrängel an der Bar zu verhindern.“ Er steigt auf die Bühne und demonstriert, wo die Sänger der Bands stehen müssen, um den Sicherheitsabstand zum Publikum von zweieinhalb Metern einzuhalten. „Das solltest du noch mit Tape auf dem Boden genau markieren“, rät ihm Festival-Manager Vincent. „Die Sänger dürfen sich auf keinen Fall bis an den Bühnenrand bewegen.“ Der Funke soll überspringen, aber bitte kein Krankheitserreger.

Die Organisatoren haben ihr Festival arg schrumpfen müssen. Es werden im September 2020 nur rund 20 statt sonst fast 100 Spielstätten bespielt. Zu Spitzenzeiten am Freitag- und Samstagabend werden den Konzerten nur bis zu 2300 Besucher statt sonst bis zu 15 000 beiwohnen. Auch die Auswahl verringert sich. In diesem Jahr werden nur 120 Konzerte gespielt, mit Bands aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Keine Acts aus anderen Kontinenten. Und in jeder Location müssen alle Besucher mit ihrem Smartphone einen individuellen QR-Code einscannen, um sich zu registrieren. „Wir müssen die Musiker sogar darum bitten, nicht so wild zu tanzen“, sagt Festival-Manager Börü, „damit deren Schweiß nicht für ein Infektionsrisiko sorgt.“ Generell müssen die Besucher bei Konzerten sitzen, einzig unter freiem Himmel, etwa auf dem Spielbudenplatz, dürfen sie stehen.

Schon klar, dass das nicht unbedingt nach dem Geschmack jener ist, die sich gern in Bars, Discos und Clubs vergnügen. Der Feierhunger ist groß. In den zurückliegenden Monaten hat die Polizei vielerorts eingegriffen, um Partys auf offener Straße oder in Parks aufzulösen, bei denen sich niemand an die Abstandsregeln hielt. In Stuttgart und Frankfurt am Main zettelten Hunderte Jugendliche und junge Erwachsene Auseinandersetzungen an. Das Frankfurter Netzwerk „Clubs am Main“ sah darin eine direkte Folge des kompletten Verbots von Konzerten und Tanzveranstaltungen. Es sei, so die Clubbetreiber, auf lange Sicht nicht zu verhindern, „das Bedürfnis junger Menschen, gemeinsam zu feiern, zu unterbinden“. Ein kontrollierter Restart für Musik-Events und Tanzveranstaltungen sei unabdingbar. Selbst Virologen können diesem Ansatz etwas abgewinnen. Jonas Schmidt-Chanasit, der am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin forscht, sagte in einem Interview mit der „Welt“, dass es an der Zeit sei zu handeln. „Partys driften sonst in die Illegalität ab, finden zu Hause oder draußen statt. Man muss jungen Menschen eine Perspektive bieten.“

Restart – das Wort fand Eingang in den Sprachgebrauch, als die Fußballbundesliga vor leeren Rängen den Spielbetrieb wieder aufnahm. Als erste große Profiliga der Welt. Das Reeperbahn Festival könnte in ähnlicher Weise zur Blaupause für Clubs in ganz Deutschland werden – und darüber hinaus.

„Sitzen statt schwitzen“, so hieß das Motto im Knust, einem Liveclub im Hamburger Karolinenviertel. Im August organisierte Booker Dirk Matzke dort die Solidary Punk Rock Days, mit Biertischen vor der Bühne und auf dem Platz vor dem Club. Keiner habe sich über die neuen Maßnahmen beschwert. „Die Leute sind einfach froh, überhaupt wieder Musik live erleben zu dürfen“, erzählt der 54-Jährige am frühen Abend beim Gespräch im leeren Club. Hoher Aufwand bei geringem Umsatz – Konzerte lohnen sich derzeit kaum. Aber die Hamburger Clubs erhalten noch bis Jahresende öffentliche Unterstützung, für Matzke eine Verpflichtung. „Wir sollten die Zeit nutzen, um mit neuen Ideen zu experimentieren.“ Lokale Talente fördern etwa. Denn Auftritte ausländischer Bands werde es in naher Zukunft in Deutschland kaum geben. „Wir müssen uns trotz aller Schwierigkeiten sagen ,Hurra, wir leben noch!‘“

Diese Einstellung bringen an diesem Tag acht junge Hamburger Rapperinnen namens Female Treasure auf die Knust-Freiluftbühne. Hier dürfen seit Anfang Juli bestuhlte Konzerte mit 200 Besuchern stattfinden. „Jeden Tag das Gleiche, das geht mir auf den Keks“, rappen sie. Und „Yolo ist nicht nur ne Phrase“. Die Zuschauer applaudieren, werfen ihre Hände in die Luft und probieren aus, an den Tischen irgendwie in Bewegung zu kommen. Eine Frau versucht es sogar mit Headbanging. Sitzen und schwitzen, das geht offenbar doch zusammen.

Längst denken Hamburgs Clubbetreiber an den kommenden Herbst und Winter. „Unser großes Ziel ist es, dass der Betrieb von Liveclubs nach dem Festival wieder funktioniert“, sagt Manager Vincent. „Aber wir arbeiten völlig ergebnisoffen. Das Ergebnis kann auch sein, dass Konzerte so einfach keinen Spaß bringen.“

Es wird ein Großversuch mit 20 ausgewählten Clubs auf der und rund um die Reeperbahn. Auch das Molotow nimmt daran teil. Ein Laden, der Erfahrung hat mit Ausnahmesituationen. Einst war er in den sogenannten Esso-Häusern am Spielbudenplatz untergebracht. Wegen akuter Einsturzgefahr wurde der Club 2013 quasi über Nacht evakuiert. Er residiert derzeit im Exil, ein paar Hundert Meter die Reeperbahn runter, bis am früheren Standort ein Neubau steht.

An der Fassade des Molotow prangen im August keine Bandnamen an der Fassade, sondern Poster mit der Aufschrift „Händewaschen“ und „Stay Healthy“. Partys und Konzerte haben hier seit März nicht mehr stattgefunden – allerdings duften die biergetränkten Böden immer noch nach ausschweifenden Nächten. Im Innenhof des Clubs betreibt Inhaber Andi Schmidt am Wochenende einen Biergarten mit Indierock-Beschallung. „Das ist aber nur eine Übergangslösung, die den Club langfristig nicht retten wird“, sagt der 57-Jährige, der an einem Montagmorgen zwischen gurrenden Tauben an einem Biertisch Platz genommen hat. „Normalerweise veranstalten wir bis zu 300 Shows im Jahr.“ Zum Glück könne er derzeit die Fixkosten seines Clubs mit den Hilfen der Stadt decken. „Vor zehn Jahren noch hätte ich nicht mit Hilfe rechnen können“, sagt er. „Jetzt erkennt die Politik, dass nicht nur Theater und Konzerthäuser, sondern auch Musikclubs einen kulturellen Stellenwert haben.“ Nach dem Reeperbahn Festival werde er hoffentlich wissen, wie es im Herbst weitergehen könne. „Es ist gut, dass so viele Clubs auf einmal daran teilnehmen und man sich anschließend austauschen kann.“

Niemand spricht es laut aus in diesen August-Tagen, aber natürlich kann ein plötzlicher Corona-Ausbruch in Hamburg alle Planungen zunichte machen. In St. Pauli obsiegt derbe Sprache und froher Mut. „Fick dich ins Knie Melancholie“ – der Name einer beliebten Partynacht im Molotow umschreibt die Stimmung treffend.

Vielleicht schafft es die Livemusik, die Zuhörer für kurze Momente von der Pandemie zu befreien, und sei es nur gedanklich. Etwa wenn Die Sterne ihren neuen Song „Du musst gar nix“ spielen, den die Band auf ihrer Homepage zur „heimlichen Hymne der Corona-Lücke im Lebenslauf“ auserkoren hat. „Du musst nicht mein Bruder sein, du musst auch nicht bergsteigen, du musst nicht Drachen fliegen, du musst dich nicht optimieren, du musst gar nichts“, singt Frank Spilker darin. „Eine befreiende Vorstellung“, erklärt er. „Das hört man natürlich gern in einem Moment, in dem man sich eigentlich zusammenreißen muss.“ Den Song habe er vor drei Jahren geschrieben, die Leute mögen ihn bitte nicht missverstehen. „Man könnte das Lied ja auch als Verweigerung gegen vernünftige Maßnahmen sehen.“ Das sei natürlich die falsche Botschaft, wenn man bedenke, wie viele Leute beim Feiern am Wochenende immer wieder die Abstandsregeln missachten würden.

„Wir müssen alle vernünftig sein“, lautet das Gebot der Stunde. Muss nur noch jemand lässig in einem Rocksong vortragen.