Ich übern Berg

Artikel: Ich übern Berg

Unsere Autorin hat noch nie die Berge gesehen. Hat sie etwas verpasst? Wir haben sie hinaufgeschickt. Hin und wieder war ihr nach Umkehren zumute. Text: Julia Kopatzki

In der Nacht bevor es losgeht, liege ich in meinem Bett und weine. Ich denke an die Steilwände, von denen ich seit einigen Nächten träume, an Gipfel, mehr Zacken als Plateau, ich stelle mir vor, dass mir die Luft wegbleibt wegen der Höhe, dass meine Beine auf der Tour versagen, meine Arme, dass ich versage.

Das ganze Drama begann, als ich inmitten eines Pulks von Fahrgästen in den Sommerurlaub startete, ans Meer natürlich. Meine Kollegin in der Redaktion schrieb mir, dass wir das mit den Bergen jetzt machen. Das mit den Bergen bedeutete: Wir haben tatsächlich eine Journalistin gefunden, die noch nie in den Bergen war. Weder im Wellnesshotel mit Bergpanorama noch auf der Skipiste oder auf irgendeinem Gipfel. Es sei erwiesen, dass sie niemals Berge in echt gesehen habe. Nicht mal solche, die in Deutschland als Mittelgebirge durchgehen. Dieser jemand bin ich.

Ich bin ein Plattlandkind. Niedersachsen, Köln, Berlin, Hamburg. Urlaub immer am Meer, Meer, Meer. Zwar sind meine Eltern einmal mit mir über den Brenner nach Italien gefahren, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Muss wohl geschlafen haben. Ich war sechs.

Was ich Berg nenne, ist für die meisten meiner Mitmenschen nicht mal ein Hügel. Als ich 14 war, wollte mein Vater mit mir auf den Kreuzberg im Berliner Viktoriapark, stolze 98 Meter hoch. Ich war über diese anstrengende Zumutung so sauer, dass ich mehrere Stunden lang nicht mit ihm gesprochen habe. In einem Griechenlandurlaub bin ich auf die Akropolis gestiegen und habe jeden einzelnen der 156 Meter gehasst.

„Das Meer kennst du aber schon?“, fragt mich ungläubig der Chefredakteur, als ich von meinem blinden Fleck erzähle. Ich habe eine Urlaubslücke. Ich ahne, was er denkt: Du kennst die Berge nicht? Was weißt du dann schon von der Welt!

Mein Wissen ist tatsächlich knapp. Berge sind hart und schroff. Sie werden erklommen und bezwungen. Reinhold Messner ist Legende. Vielleicht verpasse ich ja wirklich etwas. Ich gebe mich in die Hände der DB MOBIL-Redaktion. Sie organisieren mir ein Blind Date mit den Bergen. Danach werde ich verliebt sein, da sind sich die Kollegen sicher.

DAS PROGRAMM SIEHT so aus: vorsichtige Annäherung durch das Bergpanorama Bayerns in Murnau, Besteigen des Osterfelderkopfs im Wettersteingebirge auf 2057 Metern mit Blick auf die Zugspitze und paragliden, um die Höhe noch mal so richtig zu spüren. Ich werde auf einer Hütte schlafen und durch das Höllentalklamm wandern. Oder sagt man „die Klamm“? Was all das bedeutet, kann ich Anfänger nicht ermessen.

Ich habe Google-Verbot, ich soll mir die Überraschung nicht verderben. Bergsteigen, als wäre Instagram noch nicht erfunden. Was ich nicht ausblenden kann: Menschen erzählen mir ungefragt Dinge über Berge, das Klettern. Bettwanzen auf den Hütten, Höhenluft, die sich wie ein Herzinfarkt anfühle, und immer wieder sehr besorgte Blicke, wenn ich erzähle, dass ich mir Wanderschuhe geliehen habe. Andere berichten davon, wie ihre Oma neulich auf den Watzmann gestiegen sei. Meine Mutter erzählt mir, dass sie in ausgelatschten Turnschuhen durch den Himalaja geklettert sei. Und immer wenn ich über meine Reise sage: „Ich muss …“, korrigiert jemand: „Du darfst!“. Als wäre dieser Höllentrip ein Privileg. Ich werde wütend auf die Berge. Und dann bekomme ich Angst.

Vor einem Berg, der zwei Kilometer hoch ist. Angst, weil ich keine Ahnung habe, wo meine körperlichen Grenzen liegen, weil ich nicht weiß, wie schwer die Bergtour ist. Angst, weil ich paragliden muss, pardon, darf. Angst, weil niemand meine Sorgen ernst nimmt und jeder mir schnell noch eine wirklich schlimme Geschichte erzählt. Es ist lächerlich, aber als ich weinend im Bett liege, ist das alles sehr echt.

In geliehener Regenjacke, in geliehenen Schuhen und mit geliehenem Hüttenschlafsack als Ausrüstung setze ich mich in den Zug und fahre von Hamburg bis nach Murnau am Staffelsee. In München scheint die Sonne, ich kaufe eine Brezel, und als sich auf dem Weg nach Murnau die Berge am Horizont auftun, muss ich lachen. Sie sehen klein aus, alles andere als unbesiegbar. Selbst für mich Einsteiger.

Murnau empfinde ich als Klischee eines bayerischen Städtchens. Holzhütten mit Blumenbalkonen. Brauereien. Bunte Häuser mit Staffelgiebeln. Eine imposante Kirche. Die Menschen sprechen entweder breites Bairisch oder breites Englisch – meine Reise trat ich im Herbst vor Corona an. Überall sind Amerikaner, die Germany besichtigen und Bavaria meinen.

Den besten Blick auf die Alpen hat man vom Friedhof aus. Die Gipfel sind weit weg, dürften ungefähr die Höhe des Kölner Doms haben, denke ich. Im Bett breche ich das Google-Verbot und schlage die Höhe des Doms nach: 157 Meter. Der Osterfelderkopf, der Berg, den ich besteigen soll, mein Gipfel, ist 2057 Meter hoch. 13-mal der Kölner Dom.

Am nächsten Morgen holt mich Lisa ab. Sie ist Fotografin und besteige gern Berge, wie sie sagt. Mich beruhigt ihre Anwesenheit und dass sie beteuert, das sei alles nicht so schlimm. Auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen beginnt es zu regnen, die Wolken hängen dicht und tief. Ich bin 850 Kilometer weit gefahren, um endlich die Berge zu sehen, um mich erst klein und dann groß zu fühlen, so meine Idee vom Bergsteigen, und dann verdecken Regenwolken die Sicht.

LISA DRÜCKT MIR eine Regenhose in die Hand und einen Schutz für meinen Rucksack. „Sonst bist du gleich nass.“ Ich zwänge meine Füße in die geliehenen Schuhe, im Rucksack die Sneaker, für den Notfall, und jede Menge Müsliriegel, auch für den Notfall. Die blau-weiße Zahnradbahn fährt los in Richtung Zugspitze. In Hammersbach im Allgäu steigen wir aus, dann soll die Tour durch die Höllentalklamm zur Höllentalangerhütte gehen. Das klingt aufregend. Ich stelle mir ein riesiges Tal vor, in der Ferne Berge. Was eine Klamm ist, weiß ich nicht. Ich kenne es als anderes Wort für feucht.

Hammersbach ist auf derselben Höhe wie Garmisch-Partenkirchen, nur näher am Berg. Mir dämmert, dass ich nicht durch ein flaches Tal spazieren werde, um auf die Hütte zu kommen. Die Wolken hängen immer noch tief, ich kann nicht sehen, was mich oben erwartet. Nützt ja nichts. 

Wald, Wald, Wege mit leichter Steigung durch Wald, noch mehr Wald, aber keine Berge. Als sich die Bäume kurz lichten, ist der Wander-Weg unter uns in den Wolken verschwunden. Meine Vorstellung von Bergen war steil und hoch, einen Kegel, den man unter Anstrengung besteigt. Den Gipfel immer im Blick, Nackenstarre.

Als wir den Eingang der Höllentalklamm erreichen, sind wir bereits durchnässt. Das ist gut. So machen uns die Wassermassen, die durch die Felsspalten an uns vorbeischießen, die von den Decken der Tunnel tropfen und die immer noch unaufhörlich aus den Wolken kommen, nichts aus. Der Fluss ist so klar, ich wünschte, es gäbe ein weniger abgegriffenes Wort dafür. Dass es dort, wo das Wasser herkommt, immer neues zu geben scheint, fasziniert mich. 

Der Weg ist glatt. Die Tausende von Schuhen, die den schmalen Weg schon gegangen sind, haben die Steine geschliffen, das Wasser tut sein Übriges. Schritt für Schritt, eine Hand am dünnen Metallseil, den Blick nach unten gerichtet.

Um kurz nach vier erreichen wir die Hütte. Wobei Hütte das falsche Wort ist, finde ich, für diesen großen, modernen Flachbau am Rande des Tals. Es ist nicht viel los um diese Jahreszeit und vor allem bei diesem Wetter, also bekommen wir einen ganzen Raum zu zweit. Sonst schlafen acht Menschen hier zusammen. Wenig für Hütten, erzählt man mir.

AM ENDE DES TALS soll die Zugspitze zu sehen sein, aber der Himmel ist immer noch wolkenverhangen. Mal blitzt ein Stück Berg hervor, doch langsam dämmert es. Wir spielen „Jenga“ und „Uno“, trinken Bier und rauchen hastig im Regen. Zweimal versuchen wir, mit anderen Bergsteigern ins Gespräch zu kommen, zweimal heben sie nach wenigen Sätzen ihr Buch an. Schon verstanden, tschüss. Als um zehn vor neun der Wetterbericht an alle ausgeteilt wird, schlägt die Stimmung um auf glückselig: spätsommerlich klar und sonnig. Ich erwarte, dass mit Schnaps angestoßen wird auf die morgige Bergbesteigung bei bestem Wetter, endlich ohne Regenhose, endlich Berge sehen. Wenigstens ein Halleluja oder Bergsteiger Heil. Aber alle gehen einfach ins Bett.

Morgens um sechs Uhr verrenke ich fast meinen Hals. Da sind sie, ganz nah. Graue Felswände, ein bisschen grün, ein bisschen gelb, hart und steil. Sie umgeben alles. Ich versuche, irgendetwas als Referenzpunkt zu erkennen, um die Größe zu begreifen. Als ich einen winzigen Baum mittig auf der Felswand sehe, ahne ich, wie groß dieser Berg ist. Trotzdem finde ich, dass Menschen übertreiben, wenn sie sagen, dass man in den Bergen spürt, wie klein man ist. Ich halte den Spruch für angetäuschte Demut, während man doch dabei ist, nicht weniger als den Himmel zu erobern. 

Draußen wartet schon Stefan, auf dieser Höhe trägt man offenbar schon keine Nachnamen mehr. Er erinnert mich an den Alm-Öhi aus „Heidi“, weniger zottelig, aber genauso weiß. Den langen Bart trägt er als Zopf unter dem Kinn. Er ist mein Bergführer. Stefan, wofür braucht man einen Bergführer? „Wenn Menschen an ihre Grenzen kommen, bringe ich sie rüber.“

Stefan ist 58 Jahre alt und seit 57 Jahren in den Bergen. Früher sei er besonders schnell Berge hinaufgelaufen, jetzt begleite er Menschen auf Gipfel. Die, die nicht allein wollen oder nicht allein können. Wer die Bergwelt liebt, der will bestimmt über den Mount Everest reden. „Das ist nicht meine Art von Bergsteigen“, entgegnet er. „Diese Belagerung des Bergs. Das Warten auf die perfekten Bedingungen.“ Und die Zugspitze? „Durch die neue Seilbahn sind da die ganzen Gipfeltouristen. Das tut den anderen Bergen in Bayern gut.“ 

Der Weg führt steil und schmal an der Bruchkante entlang. Als ich versuche, den Abhang herunterzugucken, wird mir schwindelig. Ich greife nach dem Metallseil. „Nicht festhalten“, mahnt Stefan. „Das macht dich nur unaufmerksam.“ Zögerlich lasse ich los, ängstlich, mich doch zu vertreten. „Hör auf deinen Körper. Nach zehn Minuten hat der Kopf verstanden, was die Beine da machen.“ Mein Kopf ist es, der mich schwindeln lässt. Ich lasse los. 

ABER WAS, WENN ich doch falle? „Auf den Bauch drehen. Liegestütz!“ Klar. Ich hatte gedacht, wir würden über Berge reden, doch Stefan spricht lieber über Menschen. Er kenne niemanden, der so fixiert auf ein „Aber was, wenn“ sei wie die Deutschen. Immer gingen sie vom Schlechten aus. Ich fühle mich ertappt. 

Wir laufen an Plaketten vorbei, die Absturzstellen markieren. Ob er jemanden von denen kenne? „Die Einheimischen machen das kaum“, sagt er, er meint das Bergsteigen. Sie mögen es nicht mal. Aus ihren Bergen werden Denkmäler für Fremde, die sich zu viel zugemutet haben. 

Die Zeit geht schnell vorbei. Wir kommen höher. Es ist nicht so anstrengend und anspruchsvoll, wie ich dachte. Immer mehr Felsen bleiben unter uns zurück, die Weite wird größer. Ich versuche mich daran, die Dimension zu erfassen. Es klappt nicht. Menschen, die ich nun eher Wanderer und nicht mehr Bergsteiger nennen würde, kommen uns unterwegs entgegen, nicken aufmunternd. Nicht mehr weit. Ein Pakt. Wir schaffen alle das Gleiche. Als der Gipfel nur noch wenige Minuten entfernt ist, eile ich los.

Der Gipfel des Osterfelderkopfs ist eine breite Wiese. Ein Bistro mit Plätzen in der Sonne. Die Bergstation der Seilbahn. Auf einem niedrigen Stein steht ein Kreuz. Daneben posieren Frauen in flatternden Kleidern. Sie sehen nicht aus, als wären sie hier hochgestiegen. Der Pakt ist gebrochen. 

Vielleicht erkennt Stefan meine Enttäuschung. Als ich meinen Rucksack absetzen will, ruft er mich zu einem Gesteinshaufen am Abhang, natürlich gesichert durch einen Maschendrahtzaun. „Los, rauf da“, sagt er. Ich verstehe nicht, aber tue, wie man mir befiehlt. Die Steine sind rutschig, ich versuche zu balancieren. Als ich mich endlich aufrichte, blicke ich Hunderte Meter in die Tiefe. Mein Herz klopft, ich stehe fest. Das ist mein Gipfel. 13-mal der Kölner Dom.

Was sich für mich anfühlt wie ein Sieg über viel mehr als nur 2000 alpine Meter, reicht noch nicht. Morgen auf dem Plan: paragliden. Das volle Alpenprogramm, Dinge, die man auf dem platten Land nicht erleben kann. Normalerweise würde mir das Angst machen, jetzt ist es mir egal. Zum Glück ist der Osterfelderkopf ein Erlebnisgipfel. Ich laufe zum Mann, der mit einem Gleitschirm hantiert, und frage, ob ich heute spontan fliegen kann. Er ruft im Dorf an. In 20 Minuten komme Ernesto, sagt er mir. 

Ernesto trägt eine Schirmmütze, unter der schwarze Locken hervorgucken, und eine verspiegelte Sonnenbrille. Er nennt mich „Chulia“ und nimmt mir die Angst, indem er erzählt, dass er in der Nationalmannschaft fliegt. Ich werde verzurrt und festgeschnallt, und dann rennen wir gemeinsam den Abhang herunter. Ein kurzer Ruck, wir fliegen. Ich lasse mich in den Rucksacksitz rutschen. „Mach deine Arme wie eine Adlerin“, ruft Ernesto. Den ganzen Morgen sei die Thermik schlecht gewesen, hat er mir erklärt, jetzt endlich könne er richtig fliegen. Er steuert auf eine kleine, einzelne Wolke zu. Plötzlich ist alles weiß und nass und dann wieder hell. Ob ich mal lenken möchte. Ich lehne ab. Ernesto dreht Kreise in unendlich scheinender Höhe. Unter uns der Gipfel, die Klamm, ein, zwei Seen, die kleinen Häuser in Garmisch-Partenkirchen. Die Zugspitze dahinten. Mir wird schlecht.

„Guck den Horizont an“, ruft Ernesto. Der Wind saust kalt durch mein Gesicht. Die Berge nehmen kein Ende, immer wieder erheben sich neue Zacken. Ein Meer aus Gestein. Aber ein Meer.


AUCH ZUM ERSTEN MAL HIER?

Ob man Bergneuling ist wie unsere Autorin oder erfahrener Höhenmensch: So lässt sich die Reise dieser Reportage nachmachen.
 

  • Anreise: Mehrfach pro Woche fahren ICE über München nach Garmisch-Partenkirchen, mit Halt in Murnau. Koffer oder Kinderwagen können Sie mit dem Gepäckservice ab 17,90 € von Haustür zu Haustür versenden. bahn.de/gepaeckservice
  • Höllentalklamm: Vom Zugspitzbahnhof in Garmisch-Partenkirchen mit der Zahnradbahn zur Station Hammersbach. Der fünf Kilometer lange Weg führt bis zur Höllentalangerhütte. Ab etwa Ende Oktober wird die Höllentalklamm für den Winter geschlossen. Alternative: Partnachklamm. zugspitze.de
  • Wanderung: Von der Höllentalangerhütte führt ein Teil des 200 Kilometer langen Spitzenwanderwegs bis zum Osterfelderkopf. Etwa vier bis fünf Stunden, circa 800 Höhenmeter.
  • Paragliden: Wer sich dann noch traut, über die Bergketten zu schweben, kann das mit dem Anbieter Aerotaxi. Preis: 75 € pro Schnupperflug. aerotaxi.de
  • Hotel-Tipp: Dorint Sporthotel Garmisch-Partenkirchen****S, mit großzügigem Sport- und Wellnessbereich am Fuße der Zugspitze. Eine Ü/F im DZ ab 68 € pro Person (Leistung: AC4400). Beratung und Buchung bei Ameropa-Reisen, Tel. 06172/109-688 oder auf ameropa.de/dbmobil