Auswendiglernen heißt rebellieren

Artikel: Auswendiglernen heißt rebellieren

Tauberts Anleitung zum Zeitvertreib

Kürzlich ist ein Sternschnuppen­regen über Europa niedergegangen. Unzählige kosmische Krümel zischten durch die Atmosphäre – und ich hatte plötzlich die unmöglichsten Wünsche frei: Weltfrieden, nicht so kitzelig zu sein, und dass jeder Mensch ein Gedicht auswendig rezitieren kann. Bei Letzterem – das war mir gleich klar – hilft kein Wunschzettel ans Universum. Da muss das Volk der Dichter und Denker selbst ran an sein Glück. Auswendig lernen trainiert nämlich das Hirn und Poesie das Herz. Allerdings wissen immer weniger Menschen, wie das eigentlich geht: das Reinbimsen. Ich helfe gern:

1. Gedicht abschreiben.
2. Mehrfach durchlesen.
3. Mithilfe der ersten Wörter jeweils eine ganze Zeile erinnern – dazu den Rest der Zeile verdecken.

4. Mithilfe der ersten Wörter einen ganzen Absatz erinnern.
5. Das Ganze so lange üben, bis das Wiederholen ohne Stichworte klappt.

Wer ein Gedicht auswendig kann, dem rutscht das Leben nicht nur so durch, als wäre es ein Instagram-Feed, nein, dieser Mensch vertieft das Lebendige in sich. Lyrik auswendig zu lernen klingt vielleicht öde – tatsächlich ist es aber die rebell­ischste Handlung in unserer totalen Nützlichkeitsdiktatur überhaupt! Und damit meine ich nicht, Fragmente wie „Walle! Walle manche Strecke“ aus dem Deutschunterricht herunterzunudeln. Ich meine: mit poetischem Blick auf die Welt zu gucken. Und sie mit einem eigenen Vortrag ein bisschen poetischer zu machen.

Ich möchte veranschaulichen, was ich meine. An einer Dinnertafel, zu der ich neulich geladen war, erhob sich jemand umständlich, räusperte und entschuldigte sich, murmelte etwas von persönlicher Betroffenheit. Er klammerte sich an ein Stück Papier, auf das er nicht einmal guckte. Mit langen Pausen rezitierte er:  

                Lange Anbahnung.

                Ein Kuss.

                Falscher Zeitpunkt.

Dann verbrannte er das Papier mit seinem Feuerzeug und stürzte davon. Niemand klatschte, aber vergessen kann ich das Gedicht nicht. Es kitzelt wohl etwas in mir.

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Hier gibt Autorin Greta Taubert jeden Monat Tipps für den Müßiggang im Zug. Haben Sie Ideen, Lob, Kritik? Schreiben Sie an zeitvertreib@dbmobil.de