Ewigkeit zum Abbeißen

Artikel: Ewigkeit zum Abbeißen

Tauberts Anleitung zum Zeitvertreib

Oft, wenn ich im Zug sitze und draußen die Landschaft in Schlieren vorbeizieht, hämmert mir ein Begriff im Kopf herum: „Rasender Stillstand“. Der Philosoph Paul Virilio hat ihn 1992 in einem Essay verwendet, um einen paradoxen Zustand zu beschreiben: Von Pferdekutschen zu Flugzeugen, vom Telefon zum Smartphone ist die Menschheit immer schneller geworden. Alles tost und tobt – und wir sitzen dazwischen und fühlen: nichts. Die Welt rutscht einfach so vorbei. Bäume, Häuser, Haltestellen, Momente, Menschen, Gefühle – eben noch da, wusch, vorbei. Im Zug, im Leben.

Wir brauchen etwas, an dem wir uns festhalten können im Hier und Jetzt. An das wir unser Sein ketten können, als wäre das der Schlüssel zur Seelenruhe. Und weil das hier eine äußerst pragmatische Kolumne ist, für deren Übungen Sie weder Kraftstein noch Räucherstäbchen brauchen, nehmen Sie doch einfach: Ihre Stulle! Mit Ihrem Reiseproviant können Sie lernen, sich mit allen Sinnen zu fokussieren. Und den Moment buchstäblich zu genießen.


Holen Sie also die Stulle aus der Tasche, und – nein, noch nicht essen! – riechen Sie daran. Erinnert der Geruch Sie an etwas? Welche Aromen nehmen Sie wahr? Betasten Sie dann die Oberfläche der Stulle, die Kruste, den hervorstehenden Belag. Wie fühlt sich das an? Weich, hart, matschig? Führen Sie die Stulle zum Mund und beißen Sie – JETZT – hinein. Spüren Sie dabei, wie Lippen und Zunge auf das Brot treffen. Wie nehmen Sie nun die Texturen wahr?

Versuchen Sie, mit dem Stück Stulle die Geschmacksareale auf der Zunge gezielt anzusteuern: Der Rand nimmt salzig wahr, die vordere Mitte süß, die Spitze beides. Konzentrieren Sie sich auf die Kaubewegungen. Wie fühlt sich die Zerkleinerung an? Hören Sie etwas? Knackt die Kruste, schmatzt der Käse? Seien Sie auch nach dem Herunterschlucken achtsam: Was bleibt, wenn die Stulle geht?


Vielleicht nur ein leicht käsiger Nachgeschmack. Vielleicht aber auch die Erkenntnis, dass man sich dem „Rasenden Stillstand“ täglich ein kleines Bisschen entziehen kann: mit einer Stulle, bewusst gemampft.


Hier gibt Autorin Greta Taubert jeden Monat Tipps für den Müßiggang im Zug. Haben Sie Ideen, Lob, Kritik? Schreiben Sie an zeitvertreib@dbmobil.de