„Man hätte früher sagen sollen, was Sache ist“

Artikel: „Man hätte früher sagen sollen, was Sache ist“

Erkenntnisse im Tagestakt, verwirrte Laien und zeitweise überforderte Experten: Mai Thi Nguyen-Kim hat im Corona-Jahr erkannt, dass es klarere Ansagen braucht, um die Menschen mitzunehmen

Interview: Katja Heer / Fotos: Katrin Binner exklusiv für DB Mobil


Der Weg zum Fototermin ist kurz, gut so, denn ihre Zeit ist knapp: Eigentlich hat sich Mai Thi Nguyen-Kim in Schreibklausur für ihr zweites Buch zurückgezogen. Deshalb findet das Titel­shooting mit DB MOBIL im katholischen Gemeindezentrum Urberach statt. Da hat es Nguyen-Kim, die im Großraum Frankfurt lebt, nicht weit. Die 33-Jährige ist die Erfinderin von „maiLab“, einem der beliebtesten Wissenschaftsformate auf Youtube. Ihr Clip „Corona geht gerade erst los“ wurde inzwischen mehr als sechs Millionen Mal geklickt. Danach erschloss die Journalistin eine breitere Zuschauerschaft – als Gast bei „Markus Lanz“, Kommentatorin der „Tagesthemen“ und als Sidekick in der neuen Show von ­Komikerin Carolin Kebekus. Am Tag vor dem Shooting erhielt Nguyen-Kim die Goldene Kamera für „Best of Information“, kurze Zeit danach das Bundesverdienstkreuz.

Frau Nguyen-Kim, wenn Sie auf das Jahr zurückschauen, was war Ihre größte Erkenntnis?

Durch Corona ist die Wissenschaft endlich im Mainstream angekommen. Dass das aber auch zu großer Verwirrung führen kann, habe ich nicht erwartet.

Wie meinen Sie das?

Ich habe mich in der Vergangenheit bei jeder Gelegenheit darüber beschwert, dass in Polittalkshows nicht genügend Fachleute sitzen. Seit diesem Jahr ist das komplett anders. In jeder Talkshow muss ein Virologe oder ein Epidemiologe sitzen. Und wenn von denen keiner kann, dann wenigstens ein Wissenschaftsjournalist (lacht). Ich konnte mich vor Einladungen nicht retten. Aber irgendwann habe ich gelernt: Nur mit einer größeren Präsenz ist es auch nicht getan, wenn man die Menschen aufklären will. Im Gegenteil. Wir hätten viel mehr Energie darauf verwenden sollen, nicht nur über Erkenntnisse zu sprechen, sondern sie detailliert zu erklären.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn es etwa um ein neues Medikament geht, reicht es nicht zu sagen: „Das ist das neue Medikament gegen Corona.“  Man muss miterzählen: Woher wissen wir, dass dieses Medikament wirkt? Was wissen wir noch nicht? Wo steht die Wissenschaft – gibt es einen Konsens, oder sind es die Erkenntnisse aus einer ganz neuen Studie? Erwarten wir vielleicht für die nächste Zeit, dass das alles noch mal auf den Kopf gestellt wird, was wir gerade erzählen?

Licht ins Dunkel: Nguyen-Kim zieht einen Vorhang auf im Zentrum der katholischen St.- Gallus-Gemeinde Urberach

2020 schienen oft Welten aufeinanderzuprallen: Zum einen die Welt der Wissenschaft mit ihrer zähen Suche nach Erkenntnissen, auf der anderen die Medienwelt, die schnelle und endgültige Antworten will. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Momentan wird die Forschung gezwungen, so zu arbeiten, dass die Öffentlichkeit einen Schnelldurchlauf präsentiert bekommt, den es so noch nie gab. Wir erleben Live-Forschung. Neue Erkenntnisse ersetzen die alten. Die Gefahr besteht darin, dass die Leute den Eindruck kriegen: drei Virologen, vier Meinungen. Oder denken: Heute sagt der das, morgen sagt der das, da brauchen wir ja auch gar nicht darauf zu hören. Aber das ist natürlich falsch. Die Wissenschaftler sind einfach nur sehr reflektiert und gut darin, die eigenen Fehler immer wieder zu benennen, im Gegensatz zu einem 08/15-Politiker.

Was würde der machen?

Der würde immer bei seiner Meinung bleiben und vielleicht dadurch nach außen standhaft wirken. Aber darum geht es ja in der Wissenschaft nicht. Davon abgesehen hätten sowohl Politiker als auch Experten früher sagen sollen, was Sache ist. Das war der größte mediale Fehler in der Krise, von heute aus betrachtet.

Was genau hätten sie sagen sollen?

Dass diese Pandemie lange dauern wird. Man hätte verdeutlichen müssen: „Das dauert jetzt ein, zwei Jahre, und wir müssen gucken, wie wir diese Zeit gestalten.“ Das war allen sehr früh klar, aber keiner hat sich anfangs getraut, das auszusprechen. Wenn von vornherein allen bewusst gewesen wäre, dass es sich um so einen Zeitraum handelt, dann wäre es etwas ganz anderes gewesen als dieses Kurzfristige: „So, jetzt halten wir bis Ostern durch.“ Dann: „Noch ein paar Wochen.“ Später: „Noch mal ein paar Wochen.“ Dann: „Bis nächstes Jahr.“

Zu Beginn der Pandemie waren Sie noch in der Babypause. Am 2. April haben Sie sich auf Youtube zurückgemeldet, mit „Corona fängt gerade erst an“, Ihrem erfolgreichsten Video. Dort treffen Sie genau diese Aussage – nämlich dass die Krise noch sehr lange dauern wird. Hat Corona Ihnen in die Karten gespielt? 

Ich war vorher schon viel erfolgreicher, als ich es mir je erträumt hätte. Aber natürlich handelte es sich um Wissenschaft, und die habe ich nie als Massenthema gesehen. Dann kam Corona. Doch auch von diesem Video hätte ich nie erwartet, dass es so erfolgreich wird. Ich dachte, die Leute müssen erst merken, dass ich wieder da bin. Als wir das Video hochgeladen haben, habe ich gesagt: „So, jetzt mach ich erst mal in Ruhe meine Mails.“ Dazu kam es nicht. Es ging von Anfang an durch die Decke. Und nach 24 Stunden hatten wir die Million geknackt. 

Danach waren Sie bei Maybrit Illner und Markus Lanz zu Gast und sprachen einen „Tagesthemen“-Kommentar. Sind Sie jetzt auch etwas für Ältere?

Es ist lustig: Ich habe entweder junge Zuschauer – die Kerngruppe bei „maiLab“ ist 18 bis 25 – oder Senioren, durch meine WDR-Sendung „Quarks“. Das merke ich vor allem, wenn ich in Nordrhein-Westfalen unterwegs bin, wo die Sendung läuft. Dort sprechen mich ältere Damen und Ehepaare an. Vor dem 2. April kannte mich gefühlt niemand. Das hat sich geändert.

Raum für Diskussionen: Sieht nach Seminarraum aus, ist aber ein Gemeindezentrum bei Frankfurt am Main

Der Youtuber Rezo wurde 2019 mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ berühmt. Die „Neue Zürcher Zeitung“ bezeichnete Sie im April als „die neue Rezo“. Trifft die Bezeichnung zu, oder sind Sie eher die neue „Youtube-Drosten“?

(lacht) Weder noch. Christian Drosten und mich unterscheidet im Übrigen einiges. Es fängt damit an, dass ich nicht mehr aktiv in der Forschung bin und dadurch noch klarer meine Meinung sagen kann.

Warum das?

Wissenschaftsjournalisten haben die Aufgabe, die vielen Expertenmeinungen einzuordnen, zum Beispiel einen Überblick über die Studienlage zu geben. Wir sind insofern freier, als wir nicht forschen und somit nicht unsere eigenen Ergebnisse präsentieren, hinter denen wir dann stehen müssen. Klar ist aber: Wir brauchen mehr Drostens. Ich hoffe, dass Christian Drosten viele Forscherinnen und Forscher dazu inspiriert, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Sie haben Chemie studiert. Welchen Einfluss hatte Ihr Vater, ebenfalls Chemiker, auf Ihre Wahl?

Ein Chemieleistungskurs kam bei uns in der Schule nicht zustande – niemand wollte ihn wählen – also habe ich Physik genommen, und ohne meinen Vater hätte ich das auch studiert. Aber er hat mir im Alltag gezeigt, wie cool Chemie ist. Er kann sehr gut kochen und hat mir gezeigt, durch welche chemischen Prozesse die Soße andickt, aber auch etwa wie Volumenhaarspray funktioniert oder Hair-Conditioner wirken. Für mich war Chemie schon als kleines Kind ein bisschen Lebensweisheit. Und so anschaulich!

Sie haben nach der Promotion mit Videos auf Youtube angefangen, 2016 noch unter dem Namen „schönschlau“, seit 2018 als „maiLab“. Warum haben Sie sich von der Forschung abgewandt?

Weil das, was ich jetzt mache, viel eher zu mir passt. Ich bin nicht der Typ, der sich jahrelang in eine Sache reinfuchst. Ich bin viel breiter interessiert und lerne gerne jede Woche etwas ganz Neues.

Wie hat sich Ihr Alltag durch die Coronakrise geändert?

Ich bin im Januar Mutter geworden. Und weil ich möchte, dass meine Eltern die Kleine regelmäßig sehen, haben mein Mann und ich beschlossen, sonst fast niemanden mehr privat zu sehen. Meine Eltern sind Senioren, und ich will sie schützen.

Schränkt Sie das sehr ein?

Als frische Eltern sieht man ja eh weniger Leute. Der typische Abend mit Freunden und Essengehen, der fällt momentan flach. Insofern ist das nicht so einschneidend für uns. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern. Und ich habe in der Krise schon einen Mentalitätsunterschied zwischen Südostasien und Deutschland bemerkt, was das Verhältnis zu älteren Menschen angeht.

Inwiefern?

Es hat sich ja herauskristallisiert, dass Kinder von Corona weniger stark betroffen sind als alte Menschen. Stellen Sie sich mal vor, was für eine andere Stimmung herrschen würde, wenn Kinder die Risikogruppe wären. Dann hätten wir ein ganz anderes Land, und es würde weniger Demonstrationen geben, da bin ich mir sicher. Aber es sind ja nur die Alten! Das ist eine Mentalität, die mir als Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln total fremd ist. 

Wie schauen Sie in die Zukunft?

Ich bin jetzt viel optimistischer als vor ein paar Monaten. Wir sind weiter, als ich es vermutet hätte, es wird an Schnelltests, Medikamenten und Impfstoffen geforscht. Man darf nicht vergessen: Wir haben den Shutdown gemacht, weil wir nicht wussten, wie wir die Infektionen anders stoppen können. Das war der blinde Hammer auf alles. Inzwischen haben wir viel mehr über das Virus gelernt. Und mit diesem Wissen können wir gut in den Winter gehen.


Chemikerin mit Ausstrahlung

Geboren am 7. August 1987 in Heppenheim, Hessen. Ihre Eltern stammen aus Vietnam. Der Vater ist Chemiker, die Mutter Hausfrau.

Nach dem Einser-Abi studiert sie Chemie in Deutschland und den USA, promoviert in Potsdam. Während der Doktorarbeit startet sie den Kanal „The Secret Life of Scientists“, auf dem sie mit Klischees über Wissenschaftler spielt. Der Jugendsender Funk entdeckt Nguyen-Kim 2016. Sie beginnt auf Youtube mit dem Wissenschaftsformat „schönschlau“.

Eine Laborleiterstelle bei BASF lehnt sie 2017 ab. Nguyen-Kim möchte hauptberuflich Videoproduzentin werden. 2018 nennt sie ihren Kanal in „maiLab“ um, ihre Beiträge werden immer beliebter, ob sie darin der Frage nachgeht, was Aluminium in Deos bewirkt oder ob Asiaten wirklich keinen Alkohol vertragen (mit Selbsttest). Im TV moderiert Nguyen-Kim aktuell die Wissenssendung „Quarks“. Ihr Buch „Komisch, alles chemisch“ schafft es 2019 in die „Spiegel“-Bestsellerliste.

Privates: Mai Thi Nguyen-Kim ist mit dem Chemiker Matthias Leiendecker verheiratet und seit Januar 2020 Mutter einer Tochter.