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Zukunft ungewiss

Die Corona-Pandemie und der boomende Onlinehandel sorgen dafür, dass immer mehr Läden in deutschen Innenstädten schließen müssen. Welche Funktion haben unsere Einkaufsstraßen überhaupt noch? Die Stadt Oldenburg zeigt, wie die Zukunft aussehen kann

Von:
Lesezeit: 7 Minuten
Innenstadt Oldenburg
Roman Pawlowski
Oldenburg hat schon seit 1976 eine Fußgängerzone

Eigentlich wollte Achim Barghorn seiner Wahlheimat Oldenburg einfach nur beibringen, was richtig guter Kaffee ist. Doch in seinem „Käthe Kaffee“ macht er inzwischen viel mehr, als nur Espresso und Cappuccino auszuschenken. Sein Kumpel Hauke Joseph verkauft im gleichen Laden skandinavische Möbel aus den 1970er-Jahren, Barghorn gibt Barista-Kurse und nimmt einen Podcast auf, in dem er über Kaffeekultur weltweit spricht. „Käthe Kaffee“ lädt seine Kunden dazu ein, nicht nur zu konsumieren, sondern etwas zu erleben. Das ist gut für Barghorns Geschäft. Es ist aber auch ein Glücksfall für eine Stadt wie Oldenburg.

„Leute wie Achim, die der Stadt neue Impulse geben, müssen wir unbedingt in Oldenburg halten“, meint darum der Architekt Alexis Angelis. „Sie bieten Vielfalt und neue Erlebnisse – und die brauchen wir, um unsere Stadt lebendig zu halten.“ Angelis sorgte sich um Oldenburg. Deshalb ist er vor 15 Jahren aus Berlin zurück in seine Heimatstadt gezogen, um dort das Architekturbüro seines Vaters in die Zukunft zu führen. Auch er will zu Oldenburgs Glück beitragen.

Denn die Stadt in Niedersachsen, 170 000 Einwohner groß, hat etwas, was den meisten Städten derselben Größenklasse inzwischen fehlt: eine lebendige Innenstadt. Sogar die Bremer ziehen einer Umfrage des „Weser-Kuriers“ zufolge Oldenburg dem eigenen Stadtzentrum vor.

Roman Pawlowski
Das Brillengeschäft Die Diekers kann auf die Treue seiner Kunden zählen.

Weil Oldenburgs Innenstadt besonders ist. H&M, C&A, Zara, Deichmann und andere Ketten, die viele Innenstädte füllen, haben auch hier ihre Filialen. Aber es gibt eben zwischen ihnen den Optiker Stefan Dieker an der Lange Straße und den Goldschmied Fatih Sezgen, dessen „TiTo. Manufaktur“ an der Bergstraße sitzt, von denen diese Geschichte noch handeln wird. In Oldenburg haben inhabergeführte Geschäfte überlebt, deren Pendants woanders aufgeben mussten.

Oldenburgs Vorteil gegenüber anderen Orten hat mit den Inhabern dieser Läden zu tun. Und mit Leuten wie dem Architekten Alexis Angelis, der eine Vision einer attraktiven Innenstadt hat, in die man nicht nur zwischen 10 und 20 Uhr zum Shoppen geht. Damit versucht Oldenburg umzusetzen, wozu auch der Deutsche Städtetag Bund und Länder auffordert: Ansätze zu fördern, die in den Innenstädten Gewerbe, Wohnen, Kultur und Arbeit zusammenbringen. Zentren, in denen Menschen leben und nicht nur arbeiten. In denen sie gern Zeit verbringen und nicht nur schnell einkaufen. „Kultur kann viel zur Lebensqualität einer Innenstadt beitragen. Deshalb startet 2021 der Bau eines neuen Stadtmuseums in Oldenburg“, erzählt Stadtbaurat Sven Uhrhan. „Bisher ungenutzte Plätze sollen verstärkt für Events genutzt werden, und auch Sondernutzungen von Leerständen müssen möglich sein.“ Sein Ziel: „Wir wollen das Savoir-vivre in Oldenburg weiter fördern!“

Mit Uhrhan am Konferenztisch im Baudezernat sitzt Ralph Wilken, Amtsleiter der lokalen Wirtschaftsförderung. Der fasst das Dilemma der Innenstädte zusammen: „Nur Gastro und Shopping werden unsere Stadt nicht am Leben halten.“ Denn auch wenn die Fußgängerzonen gerade wieder im Glanz der Weihnachtsbeleuchtung erstrahlen, droht nicht wenigen Läden gerade „Last Christmas“. In der Coronakrise trüben Abstands- und Maskenpflicht die Einkaufslaune (wenn nicht ein Lockdown das Öffnen der Geschäfte ganz untersagt). Der Handelsverband Deutschland warnt vor 50 000 Geschäftsschließungen als Folge der Pandemie. Allein Galeria Karstadt Kaufhof schloss in diesem Jahr 50 Standorte, die Modekette Esprit musste sich von der Hälfte ihrer Filialen trennen. Auch ohne Corona steckte der Einzelhandel in Deutschland schon in der Krise. Für 2020 prognostiziert der Handelsverband Deutschland 8,8 Milliarden Euro mehr Umsatz im Online-Handel als 2019 – ein Plus von fast 15 Prozent. Das Problem: Je mehr der Online-Handel wächst, desto schneller geht den lokalen Einzelhändlern und damit den Innenstädten die Luft aus.

Roman Pawlowski
Auch die temporären Süßwarengeschäfte können nicht verdecken, dass in Oldenburg Geschäfte leer stehen.

In Oldenburg hilft, dass sich im verwinkelten Stadtzentrum viele untereinander kennen. So bewegt sich hier gerade einiges schneller als in manch einer größeren Stadt. Wie wichtig das Tempo ist, hat sich in der Kommune vor zehn Jahren gezeigt. Damals sollte das erste Einkaufszentrum der Stadt eröffnen, die „Schlosshöfe“. Angesichts der neuen Konkurrenz entdeckten die Inhaber der kleinen Geschäfte, dass sie zusammenhalten müssen.

 „Zusammen bringen wir einfach mehr PS auf die Straße“, sagt der Optiker Stefan Dieker, der „Oldenburgs gute Adressen“ angestoßen hat. Der Zusammenschluss inhabergeführter Geschäfte organisiert beispielsweise Oldenburgs „Tweed Run“. Eine Radtour auf historischen Rädern, zu der jedes Jahr Gäste aus ganz Deutschland anreisen – stilecht gekleidet in Knickerbockern, Tweedjacken und mit Schiebermützen. Solche Veranstaltungen sind ein Höhepunkt. Im Alltag sind es Geschäfte wie das von Dieker, die Oldenburg besonders machen. Er findet: „Die kleinen Läden sorgen für Flair in der Stadt – und sie halten sie langfristig am Leben, weil sie Shoppingerlebnisse ermöglichen, die das Internet nicht zu bieten hat.“ Für Dieker heißt das, Kunden auch mal einzuladen, ohne ihnen etwas zu verkaufen. „2019 haben wir unsere Stammkunden zum Beispiel zu einer Private View der World Press Photo Awards ins Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte eingeladen“, erzählt der Optiker, der selbst eine dicke Hornbrille trägt.

Auch Fatih Sezgen, Inhaber des Goldschmieds „TiTo. Manufaktur“, ein paar Schritte weiter in der Bergstraße, ist Mitglied bei „Oldenburgs gute Adressen“. In dem Geschäft, das er zusammen mit seiner Frau Tina Stöhr betreibt, wird alles per Hand gefertigt und jeder, der schon einmal im Laden war, mit Namen begrüßt. In der Werkstatt im hinteren Ladenteil sitzt ihr Auszubildender Elias Schmitz-Lenders, ein tätowierter junger Mann mit Schnurrbart, und lötet einen Kettenanhänger zusammen. Ein Einzelstück, so wie alle Schmuckstücke hier. „Das wissen die Kunden zu schätzen“, so Sezgen. „Denn der Trend geht immer mehr zu individuellen und regional hergestellten Produkten, von denen man weiß, wie sie entstanden sind. Viele junge Leute kaufen sich ja heute auch lieber nur ein Fairtrade-Shirt statt fünf Stück zum gleichen Preis von H&M.“ Trotz allem Optimismus weiß auch Sezgen: „Im Grunde kann der Online-Handel fast alles besser als wir. Deshalb müssen wir uns auf alles konzentrieren, was das Internet nicht kann. Wir versuchen zum Beispiel, jeden noch so abstrusen Wunsch zu erfüllen, und reparieren auch alten Modeschmuck, wenn er unseren Kunden etwas bedeutet.“

Die inhabergeführten Geschäfte in Oldenburg tun bereits intuitiv das, was Stadtforscher dem Handel empfehlen: Kunden mit besonderen Erlebnissen, individuellem Service und neuartigen Konzepten in die City zu locken. „Der Erlebniskauf ist das Geheimnis der Attraktivität der künftigen Städte“, sagt auch der Marketing-Professor Harald F. Ross aus Hückelhoven, dessen Spezialgebiet die Wiederbelebung von Innenstädten ist. „Die Geschäfte müssen sich klarmachen, dass sie in den meisten Bereichen dem übermächtigen Online-Handel unterlegen sind, und sollten sich deshalb stärker auf Nischen konzentrieren und zum Beispiel Werkstätten wieder mehr in den Fokus rücken. Schreiner, die Upcycling-Möbel herstellen, oder Manufakturen, die maßgeschneiderte Kleidung anbieten – das alles sind zukunftsfähige Ideen.“

Roman Pawlowski
Die Architekten Alexis Angelis und Lisa Bürger haben mit dem Core einen Ort für junge Kreative in Oldenburg geschaffen.

Als Architekt und Projektentwickler beschäftigt auch Alexis Angelis sich mit solchen Fragen zur Stadtentwicklung und dem Thema Wandel. Zum Interview laden er und seine Kollegin Lisa Bürger in die lichtdurchflutete Kaffeebar seines Architekturbüros im Norden der Oldenburger Innenstadt. Angelis deutet auf den Waffenplatz vor dem Fenster: „Das ganze Areal hier war über Jahre eine vergessene Ecke. Läden standen leer, und niemand hielt sich hier auf. Trotzdem habe ich stur an diesen Ort geglaubt – auch weil er nur wenige Schritte von den Haupteinkaufsstraßen Oldenburgs entfernt liegt.“

Dass heute unter anderem ein Sushi-Restaurant und eine mexikanische Cocktailbar den Platz säumen, liegt vor allem an dem Gebäude, das Angelis hier 2015 gebaut hat: Im Erdgeschoss befinden sich der Modeladen „Du Nord“ und das vietnamesische Restaurant „Royals & Rice Saigon Street“, darüber Büroetagen und hoch im obersten Stockwerk Wohnungen. „Mit solchen Mischkonzepten bringt man langfristig Leben zurück in die Stadt“, erklärt Angelis. „Denn damit die Innenstädte nicht veröden und aussterben, müssen dort auch wieder mehr Menschen leben.“ Er sieht sich als „Programmierer von Stadträumen“, und er hat eine Zukunftsvision, in der das Angebot an Waren in den Innenstädten wieder kleinteiliger und regionaler werden wird. „Riesige Sortimente brauchen die Läden in Zeiten des Internets nicht mehr. Sie werden deshalb eher zu Showrooms, in denen es um besondere Erlebnisse geht. Vor allem aber sehnen sich die Leute nach echten Orten, zu denen sie einen persönlichen Bezug haben.“ Er sieht in der Krise eine Chance: So groß der Leidensdruck der Innenstädte gerade sei, so groß sei auch die Chance, jetzt bei der Entwicklung alte Strukturen aufzubrechen.

Roman Pawlowski
Wie in ganz Deutschland müssen während der Pandemie auch in Oldenburg Geschäfte schließen.

Genau da setzt auch sein aktuelles Projekt an, das er mit regionalen Investoren und den Mitinitiatoren Jens Läkamp und Frank Reiners umsetzt: die Belebung eines alten Hertie-Gebäudes in Oldenburgs Innenstadt. Sieben Jahre lang stand der Warenhauskoloss leer, doch im April 2021 wird dort das Core einziehen – wenn es nach Angelis geht, der neue Stadtkern Oldenburgs. Ein attraktiver Mix aus Markthalle mit Streetfood-Ständen, Auditorien für Veranstaltungen und Co-Working-Flächen. Kurzum: ein Gebäude, das Menschen zusammenbringt und in dem es wieder etwas zu erleben gibt. Ein Ort, an dem es nicht nur ums Konsumieren geht.

Noch ist das Gebäude eine Baustelle, doch bei der Begehung der Räume erzählt Projektleiterin Lisa Bürger so anschaulich von den Plänen für „den neuen Kern“ der Stadt, dass sie vor dem inneren Auge lebendig werden. „Dort drüben auf der Tribüne können Konzerte stattfinden und Start-ups ihre Ideen öffentlich pitchen“, erzählt sie. „Auch Vorlesungen der Uni sind geplant. Und hier stehen schon die Stahlgerüste, die sich die Betreiber der Streetfood-Stände individuell gestalten können.“ Für das Core-Team sei es nicht vorrangig, sofort Geld mit dem Projekt zu gewinnen, so Lisa Bürger. Aber alle glauben daran. „Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr sehnen sich die Menschen wieder nach Begegnungen und einem ungezwungenen Miteinander. Genau da setzen wir mit dem Core an“, sagt Bürger.

Der Cafébesitzer Achim Barghorn, der ebenfalls bei der Baustellenbegehung dabei ist, wird im Frühjahr mit einem Ableger seines „Käthe Kaffee“ ins Core einziehen. „Ich wäre auch fast nach Berlin abgehauen“, erzählt der Jungunternehmer. „Aber jetzt reizt es mich, zu bleiben und zusammen mit anderen etwas in Oldenburg zu bewegen.“

Roman Pawlowski
In Oldenburgs Innenstadt gibt es noch immer viele kleine Geschäfte wie Eggers Schuhtechnik

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