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Die größte Show der Welt

Lange hat unser Autor das Supersportereignis des Jahres ignoriert. Doch mitten in der Pandemie freut er sich über das Wichtigste aller unwichtigen Dinge: den Super Bowl, das Hochamt des American Football. Nur – was wird da eigentlich gespielt?

Von:
Lesezeit: 8 Minuten
imago images / Zuma Wire
Der Quarterback Tom Brady ist der Star des diesjährigen Super Bowl. Im vergangenen Jahr verfolgten neun Millionen Menschen in Deutschland das Sportevent – obwohl der Anpfiff nach deutscher Zeit erst nachts um halb eins ist

Anmerkung der Redaktion vom 8.2.2021: Im 55. Super Bowl besiegen die Tampa Bay Buccaneers die Kansas City Chiefs mit 31 zu 9. Der 43-jährige Quarterback Tom Brady von den Buccaneers gewinnt damit seinen siebten Super-Bowl-Titel und wird zum fünften Mal zum wertvollsten Spieler im Endspiel der US-amerikanischen Football-Liga NFL gewählt.

Mein Vater ist mal mitten in der Nacht aufgestanden, weil Muhammad Ali boxte. Ich glaube, das war zu einer Zeit, als wir noch einen Schwarz-Weiß-Fernseher besaßen, weiß es aber nicht, weil ich mir damals nicht die Nacht um die Ohren schlagen wollte. So sehr ich Sport mag, es fällt mir nicht leicht, für die Leibesertüchtigung anderer die eigene Schwerkraft zu überwinden. Vor allem dann nicht, wenn es um Sportarten geht, die ich nicht auf den ersten Blick verstehe. Der Super Bowl zum Beispiel ist für mich ein Ereignis wie von einem anderen Stern: Grell, laut, schnell und unglaublich rätselhaft, wenn man es aus der deutschen Ferne zum ersten Mal ansteuert. Was passiert da eigentlich? 

Wer noch daran zweifelt, dass es ein Leben jenseits der Erde gibt, sollte den Planeten American Football mal besuchen. Dieser Ort ist bevölkert von Menschen, die schon mit einem Kübel Popcorn in der Hand auf die Welt kamen und frenetisch Männern zujubeln, die sich wegen eines ellipsenförmigen Balls die Köpfe einrennen. Und einmal im Jahr erhebt sich dieser Planet wie ein leuchtendes Raumschiff aus einer umnachteten Galaxie zum großen Showdown: das Finale im American Football. 

Super Bowl klingt besser, weil: Super ist hier vieles. Die 160 Millionen TV-Zuschauer in aller Welt, Auftritte von Superstars wie Shakira in der Pause und ein Promi, der die US-Hymne singt. Woher ich das weiß? Ich habe mich hinein gebeamt, eines Nachts, und musste dafür nicht mal gegen die Schwerkraft ankämpfen. Ich blieb einfach vorm Fernseher wach, bis es nicht mehr ging. Und das auch nur, weil ich aus dem Freundeskreis nach so einem Super Bowl Zeichen der Begeisterung vernommen hatte. Danach wollte ich es wissen. 

Ob es dabei um den Sport gehe, fragte ich damals? Es soll ja Leute geben, die sich den Eurovision Song Contest tatsächlich wegen der Musik anschauen. Aber nee, wurde mir schnell beschieden, es sei das Gesamtevent, das einen fessele. Mir dagegen war vieles rätselhaft. Ich hatte gelesen, dass rund um den Super Bowl fantastische Fernsehwerbung gezeigt werde. Zum Beispiel sei Sylvester Stallone in einem Facebook-Clip noch einmal in die Rolle des Rocky Balboa geschlüpft, und Volkswagen hatte Darth Vader aus „Krieg der Sterne“ auferstehen lassen. Das Manko ist leider: Solche Werbehighlights, erfuhr ich, konnte man in Deutschland gar nicht sehen, weil ProSieben als übertragender Sender ersatzweise eher langweilige deutsche Spots ausstrahlte (wenn man sich nicht den sogenannten „NFL Game Pass“ für das Spiel kaufen möchte). 

Es gab da noch eine andere Frage, die mich zweifeln ließ: Wer in Deutschland hat irgendeine Ahnung, nach welchen Regeln auf dem Rasen gespielt wird? Immerhin sollen 2020 rund neun Millionen Bundesbürger im Alter ab 14 Jahren das Finale verfolgt haben. Was also war hier Sache? Präsenile Bettflucht? Der Wunsch nach Fernsehen bis zum Morgengrauen?

mauritius images / Valentyn semenov / Alamy
Snacks dürfen natürlich nicht fehlen, wenn man die ganze Nacht fernsieht. Richtige Super-Bowl-Fans bauen aus Marshmallows, Chips und Gummibärchen ganze Stadien nach

Ich griff zur Fernbedienung, nachts gegen eins, vielleicht war es auch schon später. Draußen alles kalt und grau, doch drinnen plötzlich erhöhte Betriebstemperatur. Mit einem Tastenklick quoll ein Raunen und Jaulen und Klatschen aus einem Stadium irgendwo in Amerika zu mir ins Wohnzimmer – eine Energie, die mich sofort bannte. Ich wollte es erst nicht glauben. Doch, ja, dachte ich, das hat was. 

Nur vom Spiel selbst verstand ich nichts, und ich wollte mich um die Zeit nicht in ein 19-seitiges Online-Regelwerk vertiefen. Dafür war auf dem Rasen zu viel Action. Knäuel von Spielern mit dick gepolsterten Schultern und Gesichtskäfigen schienen sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, bevor Männer in schwarz-weiß gestreiften Trikots sie wieder zurückpfiffen, worauf sich die Spieler brav aufstellten, bevor sie sich wieder ineinander verkeilten. „Das Ganze musste doch irgendwo hinführen?!“, fragte ich mich und suchte im Internet nach einem Crash-Kurs für Football-Dummies. Fündig wurde ich in einem „You know“-Video“ für Kinder, so leicht konsumierbar wie die Chips, die ich mir extra für diese Nacht gekauft hatte. 

Wieder Rudelbildung auf dem Rasen. Im Kinderkurs erfahre ich, dass es gar nicht darum geht, Spieler zur Strecke zu bringen. Jede Mannschaft soll das Ei in die gegnerische Endzone tragen oder durch die Torstangen schießen, um Punkte zu machen. Dabei hat sie jeweils vier Versuche, um zehn Yards (etwa neun Meter) voranzukommen und so mit Läufen und Pässen das Spielfeld zu überbrücken. Gelingt es, erhält das Team vier neue Versuche. Wenn nicht, bekommt der Gegner den Ball.

Klingt alles ganz vernünftig, doch auf dem Platz ist dauernd Tumult, weshalb es mehr Pausen gibt als Spielzeit. Die liegt bei effektiv 60 Minuten, gestreckt über vier Viertel, aber geschreddert durch viele Fouls, weil immer wieder Spieler mit dem Ball zu Boden gerissen werden. Eigentlich ballaballa, aber irgendwie spannend. Je länger ich schaue, desto faszinierter bin ich von dem Gerangel. Es erinnert an Bilder von Arenen im alten Rom, wobei hier keine Waffen ins Feld geführt werden, aber muskelbepackte Männer Schwaden von Testosteron ausdampfen. Wie moderne Gladiatoren werden manche Spieler gefeiert, besonders der Anführer, der Quarterback genannt wird und der – das kann ich aus der Fernsehdistanz gerade noch erkennen – stets grimmig entschlossen aus seiner Feldherrenrüstung blickt. Er schleudert das Ei aus dem Zentrum heraus über das Feld, damit einer aus seinem Team es fängt, weiterträgt und die Punkte macht.

Während ich noch immer verwundert dem Treiben zusehe, kommt mir ein Gedanke. Es geht hier ja vor allem darum, Meter zu machen, ja, Land zu gewinnen. Es ist wie eine Anspielung auf einen alten amerikanischen Mythos – ein archaischer Sport, der nicht ohne Grund im Land der Siedler die Massen begeistert. Und wie die Einwanderer brauchen auch deren Nachfahren auf dem Rasen eisernen Willen, Gerissenheit, Schnelligkeit und viel Muskelkraft. Früher muss es beim American Football sehr viel härter zugegangen sein, wie ich in der Halbzeit auf Wikipedia nachlese. Die Spieler trugen keine Schutzausrüstung, viele der heute gültigen Spielregeln existierten noch nicht. So gab es allein 1905 achtzehn Tote durch Spielunfälle, bevor das Reglement geändert wurde. Doch hart ist der Sport immer noch, das sehe ich sogar aus der Komfortzone meines Wohnzimmers. 

Es muss schon nach zwei gewesen sein, und noch war nichts entschieden. Ohne es begründen zu können, schlug ich mich auf eine Seite, nur um zu verfolgen, ob „mein“ Team gewinnt. Irgendwann, mir fielen fast die Augen zu, war es dann vorbei. Das Ergebnis weiß ich nicht mehr, aber ich hatte gewonnen – an Erfahrung. Mein persönliches Endergebnis nach dem ersten Super Bowl: Ich kenne zwar längst nicht alle Regeln, aber ich verstehe jetzt, worum es geht. Nicht nur um Punkte und Sieger, um Popcorn und Commercials. Es geht um das Gemeinschaftsgefühl, sich mitten in der Nacht mit 160 Millionen Menschen um ein riesiges Lagerfeuer zu versammeln und das große Kribbeln zu spüren. 

So wird es auch am kommenden Sonntag wieder sein. Zwar dürfen im Stadion nur 22.000 Fans ihre Mannschaften anfeuern, doch im Fernsehen wird der Super Bowl diesmal umso mehr herausragen aus den ereignislosen Tagen, in denen – wie der Schriftsteller (und Football-Fan) Paul Auster kürzlich schrieb – alle Lebensbereiche zum Sperrgebiet wurden. Fast alle. Denn Football wie Fußball – also die amerikanische wie die europäische Variante – gehören in Corona-Zeiten zu den wichtigsten von den am wenigsten wichtigen Dingen im Leben. Und genau die helfen mir gerade dabei, den Lockdown besser zu ertragen. Dafür überwinde ich gerne mal die Schwerkraft.

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