Nie wieder Vorsätze!

Wer Pläne fürs neue Jahr macht, hat aus 2020 nichts gelernt. Oder gerade doch? Unsere Redaktion hat Vorsätze gesammelt, die wir uns bei diesem Jahreswechsel sparen können, und solche, die plötzlich wichtig sind

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Lesezeit: 5 Minuten
Illustration 2021
Andrei Ermakov/Getty Images
2021 wird alles besser. Oder?

Was wir uns dieses Jahr bestimmt nicht wieder vornehmen: 

 Vollgas im Job geben und Karriere machen 

Wenn uns das erste Pandemie-Jahr etwas gelehrt hat, dann wohl, dass man sich von all dem Ehrgeiz, dem Fleiß und dem Streben nach einem Karrieresprung nicht mehr viel kaufen kann, wenn man sich plötzlich in Kurzarbeit wiederfindet, die Festanstellung in Gefahr ist oder jemand schwer erkrankt, dem man nahesteht. Dann verschieben sich schnell die Prioritäten. Nach einer Umfrage des Meinungsportals Yougov unter 2042 Personen ab 18 Jahren aus allen Gesellschaftsschichten schlagen sich solche Erfahrungen auf die Vorsätze für 2021 nieder. Die eigene Karriere voranzutreiben, besitzt keinen großen Stellenwert mehr. Laut der Befragung, bei der Mehrfachnennungen möglich waren, möchten sich die Menschen in Deutschland nächstes Jahr vor allem um Gesundheit, Sport und Ernährung kümmern. Besser essen wollen 31 Prozent, mehr bewegen wollen sich 30 Prozent der Befragten. Antworten, die sich um beruflichen Aufstieg drehen, wurden im Gegensatz zu früheren Jahren kaum gegeben. Stattdessen möchten 14 Prozent sich mehr Zeit für Freunde und Familie nehmen und 19 Prozent mehr Geld sparen. 

Wir finden: richtig so. 2020 hat gezeigt, was wirklich wichtig ist – und was nicht. 

… Nein zu Dingen sagen 

Zu viel, zu schnell, zu laut. Ende 2019 hatten viele Menschen das Gefühl, die Erde drehe sich so schnell, dass sie kaum noch Halt darauf fänden. Also einfach mal „Nein” sagen zur Einladung am Samstagabend, dachten sich viele. Doch dann gab es plötzlich kaum noch etwas, zu dem man Ja sagen konnte. Kinos zu, Restaurants auch, Reisemöglichkeiten eingeschränkt. Da merkte jeder, wie sehr man von den schönen Momenten zehrte, die man im vergangenen Jahr erlebt hatte. Die ruhigen Samstagabende zählten eher nicht dazu. 

… eine digitale Auszeit nehmen 

Eine der wenigen Möglichkeiten, 2020 nicht zu vereinsamen, bildete der Smartphone-Bildschirm. Er war virtuelles Nadelöhr zur Außenwelt, brachte uns Klopapier-Memes, Kollegenklatsch und Weihnachtsfeiern im Video-Chat oder die Sprachnachricht für Oma – und machte all die Unglaublichkeiten rundherum etwas erträglicher. Darum lassen wir den Vorsatz, weniger Zeit im Netz zu verbringen, vorerst ruhen. Denn mal ehrlich: Viereckige Augen hat nach 2020 noch keiner von uns. 

… große Pläne machen 

Ach, was wollten wir im Jahr 2020 nicht alles machen, hätten wir nur gekonnt! Die Patentante besuchen. Endlich das gute Restaurant testen, das sich leider zwei Blocks weiter entfernt befindet als der Schnellimbiss. Reisen, reisen, reisen. Das Jahr 2020 hat gezeigt, was Achtsamkeitsbücher schon lange predigen: Nur das Jetzt zählt. Achtsam im Hier und Heute leben, nicht laufend über Vergangenes oder Künftiges nachdenken. Aufschieben heißt aufgeben, denn was du heute kannst besorgen, das könnte morgen schon ausverkauft sein. Oder geschlossen. Oder gesperrt. Oder egal … 

… Vorsätze fassen 

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, merken wir schnell, was diese Vorsätze doch auch sind: Sie gleichen einer Wette gegen sich selbst und zugleich gegen die äußeren Umstände. Das Leben ist unplanbar. Das war auch schon vor Corona so. Laut einer Statista-Umfrage von 2019 brechen 80 Prozent der Deutschen ihre guten Neujahrs-Vorsätze, mehr als ein Drittel bereits nach spätestens einem Monat. In Corona-Zeiten sei die Frage umso mehr gestattet: Wer kann und will so weit nach vorne sehen?  

Was wäre, wenn man sich zu Silvester vornimmt, abzunehmen und bis Ostern schwanger wird? Oder krank? Oder sich in einen begnadeten Patissier verliebt?  

An dieser Stelle bietet es sich an, eine der berühmtesten Liedzeilen von John Lennon zu zitieren. „Leben ist das, was passiert, während wir damit beschäftigt sind, andere Pläne zu machen”, sang er in seinem 1980 erschienenen Song „Beautiful Boy”. Ein paar Jahre zuvor hätte der Ex-Beatle es womöglich noch so formuliert: „Let it be.”

Wer sich aber trotzdem etwas vornehmen möchte, dem empfehlen wir diese Vorsätze fürs Corona-Jahr 2021: 

Der große Tapetenwechsel 

Irgendwas war 2020 doch immer im Bild, was da nicht hingehörte, wenn die Videokonferenz begann. Sei es ein kitschiges Foto mit der oder dem Liebsten, ein offener Kleiderschrank, ein Stapel Frühstücksteller. Wer seinen Hintergrund im Videotelefonat mit den Kollegen unscharf stellt, macht sich wiederum sofort verdächtig und zwingt die anderen, erst recht noch genauer hinzusehen. Es wird Zeit, dem ein Ende zu setzen und zumindest eine Wand des Home-Office so zu optimieren, dass die Kolleginnen und Kollegen nur das sehen, was sie sollen: was Sie wollen und niemand anders. Eine Gestaltungsidee sei noch angeführt: Tapezieren Sie Ihre Wand mit der Fototapete „Bücherwand“. Das macht Eindruck. Oder bringt Lacher. Oder beides. 

Umdenken: Warum nicht einen Campingplatz eröffnen? 

Auf einmal wurden Virologen zu Medienstars, Plexiglashersteller verdienten ein Vermögen, und beim Fahrradhändler musste man länger auf einen Termin warten als sonst beim Einwohnermeldeamt. Die Pandemie hat vieles durcheinandergebracht und einige Branchen ruiniert, andere belebt. Vielleicht ist es also an der Zeit, beruflich noch einmal umzudenken, sich zu fragen: Was ist mir wichtig? Zeit, Geld, menschlicher Kontakt? Und stecken in der Krise womöglich Chancen für mich, etwas Neues zu versuchen? Das Wort „krisensicher“ hat nach 2020 auf jeden Fall einen anderen Klang.  

Und wenn wir nun zusammenziehen?  

Seit dem ersten Pandemie-Jahr ist der Haushalt das Maß aller Dinge in Sachen Zwischenmenschlichkeit. „Mit dir sind wir leider zu viele Haushalte …“ Wer hätte gedacht, dass wir das einmal zu unseren besten Freunden sagen würden? Glücklich waren alle, die nicht alleine zu Hause waren. Vielleicht also ein Grund für manches Pärchen, den Schritt zu wagen, sich ein Herz zu nehmen und zusammenzuziehen. Denn so oder so kann es doch trotzdem schön sein, ab und zu einen privaten Lockdown zu zweit zu erleben.  

Dankbar sein 

Man weiß erst, was man hat, wenn man es vermisst. So lautet eine alte Weisheit, die selten rechtzeitig beherzigt wird. Doch 2020 sollte jeder ein Bewusstsein dafür bekommen haben, wie schnell selbstverständlich Geglaubtes auf einmal ganz weit weg sein kann. Es kann daher nicht schaden, sich das ab und an zu vergegenwärtigen. Wenn mal etwas nicht klappt, fragen Sie sich einfach: Wird das in einem Jahr noch von Bedeutung sein? Meistens lautet die Antwort: „Nicht die Bohne.” Also warum dramatisieren, eskalieren, ausflippen?  

Zu mehr Zufriedenheit führen auch regelmäßige Dankbarkeitsrituale wie zum Beispiel das 6-Minuten-Tagebuch, das auch Schauspieler Matthias Schweighöfer benutzt, wie er DB MOBIL im Interview verriet. Notieren Sie sich morgens, wofür Sie gerade dankbar sind. Schreiben Sie abends vor dem Zubettgehen auf, was am Tag toll war. Dabei geht es nicht darum, eine rosarote Brille aufzusetzen, sondern sich auf das zu konzentrieren, was Sie glücklich macht, und herauszufinden, welche Dinge das im Detail sein könnten. Oder sagen Sie doch einfach mal jenen Menschen persönlich Danke, die es verdient haben, sei es Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, dem Wirt im griechischen Restaurant an der Ecke, wenn das wieder möglich ist, der Kioskbetreiberin oder dem Kassierer. Wissenschaftler haben herausgefunden: Wer dankbar ist, kann positive Gefühle mehr genießen, hat ein höheres Selbstbewusstsein, ist stressresistenter und erlebt langfristig weniger negative Gefühle wie Wut, Neid oder Schuld. Und wahrscheinlich erreichen Sie damit deutlich mehr als mit dem festen Vorsatz, zehn Kilogramm abzunehmen.  

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