Was die Krise mit der Kunst macht

Vor einem Jahr wurde der erste Covid-19-Infizierte in Deutschland gemeldet. Seither beschert uns die Pandemie eine teils nervenzehrende Zeit, doch viele Künstler haben aus der Not eine Tugend gemacht – und mit Einfallsreichtum und kreativer Kraft viel Positives geschaffen.

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Der Künstler Uzey sprühte eine Krankenschwester als Superwoman an eine Wand im nordrhein-westfälischen Hamm. Das Bild ging weltweit durch die Medien

Im Frühjahr 2020 legte Deutschland zum ersten Mal eine coronabedingte Zwangspause ein: Geschäfte, Friseure, Bars, Clubs, Konzerthäuser und vieles mehr, das Spaß macht, mussten wegen Covid-19 schließen. Doch in den folgenden Monaten entstand auch viel Gutes: Autoren, Filmemacher, Künstler aller Art berappelten sich und verarbeiteten die Pandemie in neuen Werken. Es entstanden Songs, Bücher und Filme, die Corona aufgriffen und die Folgen reflektierten. Und nicht nur das: Zahlreiche Institutionen – wie Museen und Theater, Konzerthallen und Kinofestivals – begannen, ihre Kunst nun virtuell unter die Leute bringen.

Klänge, die uns verbinden

Musik nahm während des vergangenen Jahres eine besondere Stellung ein. Vielen ist noch in Erinnerung, wie Balkonkonzerte und gemeinsame Fenstergesänge zumindest ein bisschen von dem ersetzten, worauf Musikfans wegen der Absagen von Livekonzerten verzichten mussten. Dafür kamen findige Autokino-Betreiber auf die Idee, Stars wie Max Giesinger, Sido, Joris und Tim Bendzko auf die Bühnen vor den Leinwänden zu holen – mit Hupen, Blinkern, Scheinwerfern ließ sich allemal Applaus spenden.

Das Streamen von Konzerten wurde zu einem anderen Standbein bei dem Versuch, Livemusik am Leben zu erhalten. Konzertreihen wie das Mannheimer Projekt “Rockt zu Hause” oder die #Zuhausekonzerte mit Streams aus Star-Wohnzimmern fanden schnell ihr Publikum. Ein Festival wie das legendäre Wacken Open Air überbrückte den pandemiebedingten Ausfall mit einem dreitägigen Ersatz-Streaming. Und wer zum Beispiel Berliner Partynächte vermisst, kann sich via arte.tv mit Aufzeichnungen der Aktion „United we stream” die Raves ins Haus holen – mit DJs aus Clubs wie dem Sisyphos oder dem Kater Blau.

Gesetzter geht es naturgemäß bei klassischer Musik zu. Die Webseite concerti.de listet zahlreiche Live-Streams auf, mit denen man Konzertatmosphäre mit dem Orchester der Hamburger Elbphilharmonie oder Kammerkonzerte der Essener Philharmoniker im eigenen Wohnzimmer genießen kann. Und auch für dieses Publikum werden ganze Festivals wie zum Beispiel das Eclat Festival Neue Musik Anfang Februar aus dem Theaterhaus Stuttgart digital übertragen.

Deutsche Sängerinnen und Sänger haben natürlich auch die Zeit des Shutdowns genutzt, um sich eigene Reime auf Corona zu machen. Zum Beispiel die Band Silbermond: Im Video zu ihrem Song Machen wir das Beste draussitzt Frontfrau Stefanie Kloß – vermutlich der besseren Akustik wegen – in einem Kleiderschrank und singt: „Auch wenn um uns grad’ alles wackelt // Und es Abstand braucht // Rücken wir die Herzen eng zusammen // Machen wir das Beste draus“. Max Giesinger griff den Zeitgeist mit seinem programmatisch betitelten Song Nie stärker als jetzt“ auf. Im Video sieht man viele seiner Fans singen: „Wir waren nie stärker als jetzt // Lass die Ängste besiegen” – ein kollektives Signal der Einigkeit in einsamen Zeiten.

Glasklar lustig meinte es der Comedian Teddy Teclebrhan, der sein Alter ego Antoine Burtz ebenfalls mit einem Corona-Song auf die Nation losließ: Deutschland isch stabil" singt der Schwabe, „Pandemie hin, Pandemie her // Leben bissle leicht, Leben bissle schwer“. Im Video verbreiten tanzende Menschen gute Laune – mit gebührendem Abstand natürlich. Raum für Ironie in der Pandemie war auch genug: Der Youtuber Simon Slomma traf in „Livin’ la Vida Lockdown mit der Zeile „Darf ich heute mal den Müll rausbringen?” mit punktgenauem Witz die kleinen Highlights des erzwungenen Zuhausebleibens.

 

Kunstwerke draußen und daheim bestaunen

Während mit der Corona-Krise der Kulturbetrieb in Quarantäne ging, ebenso wie wie zahlreiche andere Branchen auch, zogen Straßenkünstler überall in der Welt mit Spraydosen, Farbrollen oder Plakaten durch die Städte, um die Pandemie zu kommentieren. So zum Beispiel am Mauerpark oder an der Urban Spree Gallery in Berlin, wo Künstler aus aller Welt breitwandige Corona-Bilder hinterließen. Viele setzten ein Zeichen der Solidarität, indem sie ihre Murals Krankenschwestern und Pflegern widmeten. Und manche der Motive bleiben länger in den Köpfen hängen als an der Wand – wie das Bild einer Krankenschwester als Superwoman, das der Künstler Uzey im nordrhein-westfälischen Hamm sprühte und das weltweit durch die Medien ging.

Kunstgalerien und Museen ließen sich ebenfalls einiges einfallen, um Interessierte weiterhin den Zugang zu ihren Hallen zu ermöglichen – nur eben vom Schreibtisch aus. Auf Youtube, Twitter und Instagram findet man digitale Rundgänge zum Beispiel unter Schlagworten wie #MuseumFromHome (Museum von Zuhause) oder #ClosedbutOpen (Geschlossen, aber geöffnet).

So bietet beispielsweise das Folkwang Museum in Essen die Ausstellung „Vincent van Gogh ganz nah” virtuell an. Selbst kleinste Details lassen sich mittels der Zoom-Funktion detailliert betrachten. Im Deutschen Museum in München kann man ganze Räume auf virtuellen Touren durchwandern, beispielsweise die Ausstellung zur Meeresforschung. Und das Städelmuseum in Frankfurt bietet sogar an, ein Ticket buchen und sich leibhaftig und vor Ort von einem Kunstvermittler durch die Gänge begleiten zu lassen.

Bücher, die Mut machen

Gerade für Kinder war und ist es eine besondere Herausforderung, die Situation nachzuvollziehen und mit ihr klarzukommen. Gut, dass es ein Buch gibt, das ihnen die Corona-Maßnahmen erklärt: In „Conni macht Mut: In Zeiten von Corona hilft der Star der Kinderbuchreihe den Kleinen zu verstehen, warum man zurzeit nicht in den Kindergarten darf, vielleicht nicht mal auf den Spielplatz, und warum jedenfalls die Großen jetzt alle eine Maske tragen müssen.

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Warum darf man zurzeit nicht in den Kindergarten? Um wieso tragen die Großen jetzt alle eine Maske? Der Kinderbuch "Conni macht Mut: In Zeiten von Corona" versucht Kindern die Pandemie verständlich zu machen

Damit man sich das Zuhause gemütlich herrichten kann, hat Harriet Köhler eine Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben  geschrieben – ein Reiseführer für einen Urlaub also, der garantiert stattfindet. „Dabei ist das Daheimbleiben kein Bekenntnis zur Langeweile, sondern die Möglichkeit, genau das zu finden, was wir in der Ferne oft vergeblich suchen: uns selbst“, so die Autorin. Ein gutes Vorhaben, um vielleicht sogar gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Obwohl naturgemäß Ratgeber besonders Konjunktur hatten, konnten humoristische Autoren der Pandemie auch komische Seiten abgewinnen. Thorsten Rohde zum Beispiel, der mit seiner „Online-Omi“ Renate Bergmann schon einige Bestseller landete, schrieb für seine Fangemeinde das aufmunternde Buch: Dann bleiben wir eben Zuhause. Mit der Online-Omi durch die Krise“.

Film und Theater nach Hause geholt

Kino ohne Kino? Auch das geht, verschiedene Filmfestivals haben im vergangenen Jahr gedankenschnell reagiert und es vorgemacht: Die Hofer Filmtage, das Hamburger Filmfest oder die Nordischen Filmtage in Lübeck wählten eine Hybridform (Vorführungen mit wenig Publikum, paralleles Streaming) oder verlegten sich vollends auf das Streaming ihrer Filme. Sogar Abschlussabende und Preisverleihungen wurden übertragen. Zugegeben: Die Atmosphäre von Galas und Starauftritten auf roten Teppichen war damit nicht zu erschaffen – aber sind nicht die Filme das Wichtigste an einem Festival? Gerade ist mit dem Max-Ophüls-Preis wieder ein solches Festival im Online-Format über die Bühne gegangen. Und auch das Zugpferd des deutschen Films, die Berlinale, ist nicht an Corona verloren: Sie soll statt im oft klirrend kalten Februar nun im Juni stattfinden – als Sommerfestival in Berliner Kinos und Open Air.

Wie Kino und Konzert vermissen viele natürlich derzeit auch jene klassischen Theaterabende, nach denen ein Stück noch nachhallt und Gesprächsstoff für die nachfolgenden Tage liefert. Doch auch auf diesem Sektor sind die viele Häuser sehr kreativ geworden. So lassen sich auf der Webseite die-deutsche-buehne.de zahlreiche Termine für Aufführungen in den nächsten Tagen und Wochen aufrufen, die man live, per Stream, verfolgen kann. Kleine Vorschau gefällig? Das Hamburger Thalia Theater zeigt demnächst „Der Idiot” von Dostojewski, das Deutsche Theater Berlin bringt „Onkel Wanja” von Tschechow auf die Bühne und in die Wohnzimmer. Und das Maxim Gorki Theater in der Hauptstadt hat seine Inszenierung von Shakespeares „Hamlet” aufgezeichnet und filmisch aufbereitet. Streamen oder nicht streamen? Das ist hier eigentlich keine Frage!

Ein Abstecher in die Lyrik gefällig? Markus Heinrich, sonst Sänger auf der Bühne des Theaters Krefeld, hat es gewagt und Videos mit Gedichten auf Youtube gepostet – mit aktuellem Bezug, versteht sich. „Ach, was muss man oft von bösen Viren hören oder lesen. Wie zum Beispiel hier von diesen, welche Co und Rona hießen”, reimt Heinrich – und Wilhelm Busch stand Pate.

Wer sich dagegen statt mit Bühnenkunst lieber mit klassischem Fernsehen den Abend gestaltet, sei auf zwei Serien verwiesen, die sowohl kurz als auch kurzweilig sind – und beide in der Mediathek des ZDF zu finden. In Liebe.Jetzt!" geht es um Liebe unter widrigen Umständen – eben in Zeiten von Corona. Die unterhaltsamen Episoden erzählen von Paaren, die ungewollt schwanger werden und nun eine Paartherapie übers Internet machen müssen. Oder von Kollegen, die sich zum ersten Mal küssen, endlich – und dann ins Home-Office geschickt werden…

ZDF / btf GmbH
Aufbrechen, alles anders machen, abhauen – wäre da nicht der Lockdown. Von diesem Zustand handelt die ZDF-Comedy-Serie „Drinnen"

Empfehlung Nummer zwei: Drinnen“, die Comedy-Serie aus dem Home-Office. Darin geht es um die 35-jährige Charlotte, die 2020 eigentlich ihr ganzes Leben umkrempeln wollte: raus aus ihrer Ehe, raus aus dem Job – und vor allem raus ins pralle Leben! Doch nun geht nichts davon. Charlotte ist verdammt, zu bleiben, wo sie ist: drin. Ein Zustand, den wir spätestens im zweiten Shutdown alle kennen, der aber hier mit einem Augenzwinkern aufbereitet wird. Und dahinter die Gewissheit aufscheinen lässt, dass die Umwege zu Kunst und Kultur über das Virtuelle, das Mittelbare, die Bildschirme ein Ende haben und die Welt wieder live zu erleben sein wird!

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