Beuys verstehen in zehn Werken

Er beschmierte Stühle mit Fett, führte einen toten Hasen durch seine Ausstellung, provozierte Verwunderung und Empörung – und wird 100 Jahre nach seiner Geburt gefeiert wie kaum ein anderer deutscher Künstler. Aber wieso eigentlich? Wir erklären Ihnen in zehn Werken, was den Ausnahmekünstler und seine Werke so berühmt machte – und wo Sie Beuys heute erleben können.

Von:
Lesezeit: 9 Minuten
Caroline Tisdall
Joseph Beuys, 1975

1. „Stuhl mit Fett“ (Darmstadt)

Auf der Sitzfläche eines Holzstuhls klebt ein massiver Klotz aus purem Fett. Das ist alles, das ganze Werk – doch wie so oft bei Beuys ist dies gleichzeitig erst der Anfang. Denn statt in ihrem handwerklichen Aufwand liegt der besondere Wert von Beuys‘ Kunst oft in den Gedanken, die sie hervorruft. Ein Stuhl, in einem Museum, mit Fett darauf. Was kann daran Kunst sein? Genau diese Frage wollte Beuys provozieren. Und tatsächlich wird seit 1963 hitzig über das Werk debattiert, oft begleitet von dem abfälligen Spruch „Ist das Kunst, oder kann das weg?“.
Indem Beuys vermeintlich bekannte Gegenstände seltsam und unverständlich arrangierte, wollte er aufzeigen, dass nichts selbstverständlich ist, am wenigsten das Alltägliche. Gerade Fett spielte für ihn dabei eine große Rolle. Weil Fett ein Wärmespeicher ist, war Beuys der Meinung, dass sein Lieblingsmaterial eine gute Voraussetzung für Kreativität liefere: Energie.
Für Beuys steht „Stuhl mit Fett“ für die Abkehr von der klassischen Bildhauerei und der Hinwendung zu einem freieren Werk, das versucht, eingestaubte Bedeutungsräume zu entrümpeln.

Zu sehen ist die Plastik als Teil des weltweit größten Werkkomplexes von Beuys im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Außerdem eröffnete hier am 13.05.2021 die Sonderausstellung „Joseph Beuys. Ulysses“.

Reni Hansen, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Joseph Beuys, Capri-Batterie, 1985

2. „Capri-Batterie“ (München)

Beuys brannte für Chemie, Physik und alles Lebende – und so schuf er mit seiner „Capri-Batterie“ ein Werk für alle Freund:innen der Naturwissenschaften. Per Steckerfassung ist eine Glühbirne an eine Zitrone angeschlossen, die in Kombination mit Kupfer tatsächlich als Stromquelle dienen kann. Klingt erst mal nach dem Charme eines Chemiebaukastens. Doch für seine Versuchsanordnung suchte Beuys eine Partyglühbirne aus, die zitronengelb und zitronengroß ist, sodass das echte Obst und die Glühbirne einander zu spiegeln scheinen. Die Ähnlichkeit der beiden Elemente unterstreicht, dass sie zueinander in einer Beziehung stehen – aber in welcher genau? Ist es ein Energiekreislauf, wie man zuerst denken möchte? Oder saugt der eine Zwilling den anderen aus? Wie viele Zitronen hat die eine Glühbirne wohl schon überlebt? Was witzig aussieht, verweist auf den zweiten Blick darauf, dass all unsere künstliche Strahlkraft auf Kosten natürlicher Energiequellen geht. In der „Capri-Batterie“ bringt Beuys seine Forderung nach Umweltbewusstsein auf eine kompakte ästhetische Formel.

Passend zur Batterie in der Dauerausstellung: Die Pinakothek der Moderne in München richtet ab Juni 2021 die Ausstellung „Ich strahle aus. 100 Jahre Joseph Beuys“ aus.


3. „The pack (das Rudel)“ (Kassel)

Wer sich gerne Geschichten ausdenkt, sollte sich „The pack (das Rudel)“ in der Neuen Galerie Kassel ansehen. Das Werk ist ein Beispiel für die assoziationsreichen und stimmungsvollen Räume, die Beuys mit seinen Werken erschaffen hat. Alltägliche Gegenstände ordnete er so an, dass sie eine neue Bedeutung bekommen, Geschichten erzählen. Im Museum in Kassel ist das ein rostiger VW-Bus, aus dessen Heckklappe 24 Holzschlitten in Zweierreihen herausströmen. Moment: Strömen die Schlitten? Oder schleichen sie eher? Vielleicht marschieren sie auch ab? Jedenfalls geht von ihnen der Eindruck von Bewegung aus, sie scheinen eine Richtung im Sinn zu haben. Dazu kommen die Filzdecken und Taschenlampen, mit denen alle Schlitten ausgerüstet sind und die sie wie eine Truppe invasorischer Soldat:innen aussehen lassen, die durch die Nacht schleicht. Oder sind es doch eher die Augen fröstelnder Tierwesen – ein heulendes Rudel, das aus einem Wrack flieht?


4. „Deutsche Studentenpartei“ (Nordrhein-Westfalen)

Angriffslustig verkündete Beuys, dass seine 1967 spontan gegründete Partei die größte der Welt sei, „aber die meisten Mitglieder sind Tiere“. (Im Rückblick erscheint es fast zwingend, dass der charismatische Provokateur später zum Mitbegründer der „Grünen“ wurde.) Nie um eine künstlerische Antwort verlegen, reagierte er mit scheinbar grenzenloser Energie auf gesellschaftliche Entwicklungen – die Gründung einer Partei war Beuys‘ Reaktion auf die Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg im selben Jahr in Berlin. Auch wenn die „Deutsche Studentenpartei“ nicht mal bis zu den nächsten Wahlen durchhielt, lieferte sie als selbst ernannte „Anti-Partei“ einen wichtigen Gegenentwurf zum klassischen Politikspektrum. Ihr Programm goss ein utopisches Weltbild in eine konkrete politische Form und stellte durchaus aufmüpfig die Frage, ob „absolute Waffenlosigkeit“, die „Überwindung der Lohnabhängigkeit“ und die „Entgiftung von Wasser, Erde und Luft“ nicht die eigentlichen Ziele ehrgeiziger Politik sein müssten.

2021 lädt eine groß angelegte Veranstaltungsreihe zum gesellschaftlichen Mit- und Umdenken nach dem Vorbild des Künstlers ein.


5. „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ (Wuppertal)

Aufsehenerregende Performances machten einen wichtigen Teil von Beuys‘ Schaffen aus. So erklärte er 1965 drei Stunden lang einem Hasenkadaver die Bilder seiner neuen Ausstellung, während das menschliche Publikum vor dem Schaufenster der Galerie wartete. Diese Parodie einer Ausstellungseröffnung und andere rätselhafte Aktionen zeichnen sich gerade durch die Einmaligkeit des Moments aus und lassen sich nicht wiederholen. Dennoch müssen diese Werke heute für uns nicht als verloren gelten. Denn beim diesjährigen „Beuys-Performancefestival“, das Anfang Juni in Wuppertal stattfindet, lassen zeitgenössische Künstler:innen die Beuys‘schen Ideen neu aufleben. Dabei bedarf es zwölf künstlerischer Projekte, gerahmt von wissenschaftlichen Diskussionsrunden, um der Vielfalt gerecht zu werden, die den daueraktiven Künstler ausmachte. Einige der Veranstaltungen finden übrigens auf der Straße statt – dem Ort, den Beuys für den wichtigsten Ausstellungsraum überhaupt hielt.


6. „7.000 Eichen“ (Kassel)

Joseph Beuys gilt als bedeutendster documenta-Künstler aller Zeiten; er verhalf der alle fünf Jahre in Kassel stattfindenden Ausstellungsreihe wahrscheinlich überhaupt erst zu ihrem Weltruhm. 1982 erreichte er mit der Aktion „7.000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ den Höhepunkt seines Wirkens in der Stadt. Beuys ließ 7.000 Basaltstelen auf dem zentralen Friedrichsplatz anhäufen, die Stück für Stück entfernt werden durften, sofern für sie eine Eiche in Kassel gepflanzt worden war. Die gigantische Raum-Zeit-Skulptur wurde erst nach seinem Tod fertiggestellt und kann heute auf kuratierten Spaziergängen oder querfeldein durchwandert werden. Viele der gepflanzten Bäume sind mittlerweile verkümmert. Und so kann man sich bei einem Gang durch die Kasseler Eichenalleen fragen: Braucht das Klima mehr Kunst?


7. „Porträtbüste“ (Kleve)

Wer Lust am genauen Beobachten hat, dem empfiehlt sich eine Reise an den Niederrhein, wo der Jahrhundertkünstler alte Spuren aufgriff und neue hinterließ. In Kleve verbrachte „der heilige Jupp vom Niederrhein“, wie seine Fans ihn nannten, prägende Jugend- und Kriegsjahre, und hierher kehrte er auch zurück, als eine Depression ihn in die Knie zwang. Rund um die Kleinstadt lassen sich viele Motive aus dem Beuys‘schen Kosmos aufspüren: die Felder der befreundeten Bauernfamilie van der Grinten etwa, auf denen Beuys arbeitete, um seine psychische Krise zu bewältigen, und die seine teils spirituelle Nähe zur Natur verfestigten. Erde ist ein von Beuys häufig verwendetes Material. Hasen und Hirsche streunen durch die Landschaft, auch sie sind wiederkehrende Motive seines künstlerischen Werkes. Am Ortsrand stehen Margarine- und Schuhfabriken – Inspiration zu Beuys‘ Arbeiten mit Fett und Filz.

Im Museum Kurhaus Kleve kann man frühe Werke wie die Porträtbüste und das Atelier des Künstlers besichtigen. Schloss Moyland birgt eine große Sammlung von Zeichnungen, die Beuys während seiner Depression anfertigte.


8. „zeige deine Wunde“ (München)

Vielleicht war die Kontroverse um den „teuersten Sperrmüll aller Zeiten“, die 1979 in München tobte, ein Zeichen der Unsicherheit. Bei „zeige deine Wunde“ handelt es sich um ein sogenanntes Environment, also eine begehbare Installation, die zunächst in einer Münchner Fußgängerunterführung ausgestellt war. Zwei Leichenbahren bildeten das Herzstück des Raumes, dessen Symboliken auf tabuisierte Themen wie psychische Krankheit, Verletzlichkeit und Tod verwiesen. Obwohl der Künstler einen zarten Titel dafür wählte – es ist ein zögerlicher Imperativ ohne Ausrufezeichen –, fielen die Reaktionen, auch mit Blick auf den hohen Kaufpreis des Werkes, aggressiv aus. Dabei könnte die Arbeit nachdenklich darüber stimmen, was monetäre Werte angesichts unser aller Sterblichkeit überhaupt bedeuten.

Wer der Aufforderung von Beuys nachkommen möchte, kann „zeige deine Wunde“ im Lenbachhaus im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung betreten.

Fotoarchiv Ruhr Museum | Jürgen Leiendecker/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Joseph Beuys beim 1. Jour Fixe am 27.3.1981 in Düsseldorf

9. Der „Erweiterte Kunstbegriff“ (Düsseldorf)

Zu unterrichten bezeichnete Joseph Beuys als sein „größtes Kunstwerk“ – und so nahm der Professor für monumentale Bildhauerei, der er ab 1961 war, Hunderte von abgelehnten Bewerber:innen in seine Klasse auf. Ironischerweise entwickelte Beuys ausgerechnet hier, an der Kunstakademie Düsseldorf, seine anti-akademische Haltung zu Kunst und Lehre. Mit dem Slogan „Denken = Plastik“ sprach er die Bildhauerei von der Materie frei und erklärte stattdessen Idee und Prozess zur Skulptur. Viele Studierende verehrten ihn wie einen Guru. Doch unbequem und rastlos, wie er war, setzte er seine berufliche Position aufs Spiel, um die Ausbildung nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Er wollte die elitäre Schwelle zur Kunst absenken, forderte einen freien Zugang zu Bildung und besetzte mehrfach das Sekretariat der Akademie. Sich mit der Verwaltung anzulegen war für Beuys ein künstlerischer Akt: eine „soziale Plastik“. Wo man ihm damals kündigte, widmet man ihm und seinem Lehrer Ewald Mataré heute eine Ausstellung.


10. Sie selbst

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist das wohl am häufigsten zitierte Statement des Parolen-Professors. Es ist der logische Schluss aus seinem „Erweiterten Kunstbegriff“: Wenn das kritische Denken alleine schon Kunst sein kann, dann kann jede:r Kunst machen. Denn jeder Mensch verfügt über die schöpferische Kraft, sich selbst und die Welt zu verändern. Sie brauchen nur eine lustvolle Skepsis gegenüber dem, was Sie genau zu kennen glauben, und Sie können ihre eigene „soziale Plastik“ erschaffen. Das Material, aus dem Kunst gemacht ist und auf das sie zugleich verändernd einwirken soll, ist die Gesellschaft. Also: Gründen Sie eine Partei, zeigen Sie Ihre Wunde, pflanzen Sie einen Baum – oder eben 7.000.

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