Zu den Wurzeln

Der Mensch war mal ein Waldwesen. Das ist lange her. Doch wenige Stunden unter grünem Blätterdach wirken noch immer Wunder: Stress runter, Stimmung rauf. Unsere Autorin ließ sich durchs Unterholz führen

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Zu Beginn sehe ich den Wald vor lauter Fichten und Buchen nicht. „Jetzt bitte langsam weitergehen, nicht sprechen und schauen, was um uns herum kreucht und fleucht“, sagt Klaus Lang, mein Guide im Forst von Bad Dürrheim. Tatsächlich. Aus dem scheckigen Grün von Stämmen, Nadeln und Blättern scheinen sie allmählich hervorzutreten: Ahornschößlinge mit jungen, rotgoldgrün schimmernden Blättern, kleine Kolonien aus zart-weiß blühendem, hellgrünem Waldsauerklee am Boden, daneben ein Moos, das beim näheren Betrachten aussieht wie eine Schonung Mini-Fichten. Darüber zum Aufbersten pralle Knospen an Kastanienzweigen. Vögel zwitschern, ein Specht löchert einen Baum.

Lang stoppt, dreht den Zweig eines Nadelbaums um, wir sehen die fast silbrige Unterseite. „Eine Weißtanne“, erklärt er in gemütlich-badischem Ton, zerreibt einige Nadeln zwischen seinen Fingern. Mir steigt ein Tannenduft in die Nase, wie ich ihn noch nie gerochen habe. Klar und aromatisch, nicht so herb wie Fichte, nicht so würzig wie Kiefer. Edler. Wie märchenhafte Weihnachten. Mitten an einem sonnigen Frühlingstag. Beim Waldbaden, oder wie es in Japan heißt: „Shinrin Yoku“.

Seit einigen Jahren ist dieser Trend in Deutschland angekommen. Mit allen Sinnen den Wald in sich aufnehmen, das lässt bereits nach vier Stunden, alles wissenschaftlich erwiesen, bei Burn-out-gefährdeten Menschen den erhöhten Bluthochdruck sinken, baut Stresshormone ab und stärkt das Immunsystem. Statt des oft daueraktiven, sympathischen Nervensystems übernimmt das parasympathische Nervensystem, das für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Im Kurort Bad Dürrheim, der auf 700 Metern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb liegt, hat Lang das Waldbaden seit zwei Jahren zu einem festen Angebot im Gästeprogramm gemacht. In einem früheren Jahrhundert wäre der drahtige 60-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt wohl Trapper geworden. Gelegentlich übernachtet er im Wald, „das ist einfach anders“.

In diesem Leben hat der Physiotherapeut 20 Jahre lang das Therapie- und Rehabilitation Gesundheitszentrum Solemar in Bad Dürrheim geleitet, seit zwei Jahren arbeitet er als Referent für Kurortentwicklung und Prädikatisierung, im Sommer schließt er eine Ausbildung zum Gesundheitspädagogen ab, dann soll eine zum Kräuterpädagogen folgen. Alles, um den Wald den Menschen noch näherzubringen. Oder besser: wieder nah. „Der Mensch hat in seiner Evolution lange im Wald gelebt, das prägt uns bis heute“, ist Lang überzeugt, der jüngst die Fortbildung zum Waldbaden-Trainer absolviert hat. Seiner Ansicht nach müsste es eher „Waldtauchen“ heißen, analog zum englischen Forest Diving, „aber das klingt nicht so gut“.

Lena Giovanazzi für DB Mobil

Wir tauchen nach wenigen Minuten ein in die angenehme Kühle des Waldes. Beim Waldbaden geht es nicht um Strecke-Machen, Tempo oder um Sport. Es geht um schlenderndes Bewusstwerden. Als der Schotterweg in weicheren Waldboden übergeht, lässt mich Lang den meditativen Gang buddhistischer Mönche versuchen: erst die Fußspitze aufsetzen, dann die Ferse. „Rhythmus rausbekommen, nicht mehr auf den Gang achten und nichts mehr denken.“ Sagt sich so leicht. Erst mal einen Fuß vor den anderen kriegen, gleichmäßig. Damit bin ich so beschäftigt, dass ich über nichts anderes nachsinnen kann. Ziel erreicht: Auch beim Waldbaden geht es darum, im Hier und Jetzt zu sein.

Das Sonnenlicht funkelt auf das frische Grün in den unteren Waldetagen und sprenkelt den Weg vor mir. Die Japaner:innen haben für das Licht- und Schattenspiel einen Begriff, „Komorebi“. Nebenbei trägt das Sonnenlicht, das hier auf der Hochebene besonders intensiv scheint, zur Bildung von Vitamin D bei, das nicht nur stimmungsaufhellend wirkt, sondern, wie wir nach zwei Jahren Pandemie gelernt haben, auch maßgeblich ist für robuste, körpereigene Abwehrkräfte. Über ausreichend Vitamin D im Körper soll nur gut ein Drittel aller deutschen Erwachsenen verfügen.

Wir hocken zu viel drinnen und starren auf Handy- und Computerbildschirme, statt etwa im Wald vor uns hin zu schreiten wie durch eine grüne Kathedrale. Allein der Anblick von Grün kann „Medizin“ sein und Heilung regelrecht ankurbeln. Lang erläutert, „dass sich Patienten, die in ihren Zimmern auf Naturbilder sahen, dreimal schneller erholten“, das hätten Studien gezeigt. „Nun ziehen wir die Schuhe aus“, höre ich meinen Guide sagen.

Oha. Schon hat Lang seine Crosshikingschuhe abgestreift und stapft barfuß querwaldein, einen kleinen Hang hinauf. Ich ziehe Wanderschuhe und Socken aus und trete auf ultraweiches Moos. Ein Stückchen oberhalb hält Lang an und legt sich mit seinem rechten Fuß einen Tannenzapfen zurecht, als wäre er eine kleine Faszienrolle. „Mit dem Fuß einfach darüberrollen.“ Die schuppigen Kanten kitzeln an der Fußsohle. Wir laufen weiter über braune Buchenblätter, kleine Zweige, ein Kiefernzapfen kullert vorbei, vorsichtig steigen wir über herabgefallene Äste vom jüngsten Sturm. Geht alles verblüffend gut. Auf eine Bank setzen wir uns und massieren unsere Füße, ehe sie zurückmüssen in ihre Schuhe. „Viele Menschen sind seit der Kindheit nicht mehr barfuß in der Natur unterwegs gewesen“, sagt Lang, und dass manche danach am liebsten einfach so weitergehen. Man vergisst die Füße oft, dabei tragen sie uns jeden Tag durchs Leben.

Wie ja auch der Atem, der im Alltag oft zu flach fließt. Zwar streut Lang ab und an eine Bauchatemübung ein, aber ich spüre, wie ich wie von selbst immer tiefer ein- und ausatme. Die kühlere Waldluft entlastet besonders im Sommer den Kreislauf, Blätter und Nadeln filtern die Luft, die ätherischen Öle vor allem der Nadelbäume, die Terpene, stimulieren das Immunsystem und wirken wie ein Hustenbonbon zum Einatmen. Wobei der hiesige Wald kaum Stickoxide oder Feinstaub unschädlich machen muss. Als Heilklimatischer Kurort verfügt Bad Dürrheim über pollenarme und saubere Luft – was seit der Ernennung 1976 alle zehn Jahre per meteorologischer Messungen überprüft wird. Zusätzlich atmen wir Pilze und Mikroben ein, die, auch das eine vergleichsweise junge Erkenntnis, nicht etwa zu fürchten sind, sondern sich positiv auf die Darmflora auswirken. Eine Zone, die bei vielen Menschen durch Fastfood und Fertiggerichte verarmt ist.

Wir atmen Pilze und Mikroben des Waldes ein, die sich positiv auf den Körper auswirken

Wer Waldbaden ausprobieren mag, wird vielerorts fündig. Als einer von wenigen der 66 deutschen Heilklimatischen Kurorte darf sich Bad Dürrheim auch Kneippkurort und Sole-Heilbad nennen – seit vor 200 Jahren eine bis zu 40 Meter dicke Salzschicht im Boden entdeckt wurde, die über die Grenzen der Gemeinde hinausreicht und die Solemar-Therme, das kleine Salzgradierwerk und medizinische Anwendungen speist.

„Die meisten Gäste sind aber Gesundheitssuchende“, sagt Lang, also Leute, die aktiv etwas für Fitness und Work-Life-Balance tun wollen. Als einer von drei „Klimatherapeut:innen“ – eine:n braucht ein Heilklimatischer Kurort mindestens – nimmt er Interessent:innen mit in den Wald, zum dynamischeren Heilklima-Wandern, bei dem der Kreislauf angeregt wird und man auch mal ins Schwitzen kommt. Waldbaden dagegen gab es eigentlich schon, als die ersten Kurgäste Mitte des 19. Jahrhunderts durch das an den Kurpark angrenzende Grün flanierten.

„Unser Wald soll Heilwald werden“, wünscht sich Lang. Für diese Zertifizierung muss der Wald zunächst den Status eines Erholungswaldes erlangen und „möbliert werden“, mit Bänken und beschilderten Pfaden – schon geschehen. Nächste Etappe: „Kurwald“, mit Angeboten für Heilklima-Wandern, Nordic Walking und Waldbaden, angeleitet von Laien. Diese Zertifizierung steht noch aus. Im „Heilwald“ sind dann Therapeut:innen mit den Gästen unterwegs.

Als Waldbadende scheint mir wichtiger, dass Bad Dürrheim seit einigen Jahren „Naturwaldgemeinde“ ist, wo umstürzende Bäume verrotten dürfen und das Unterholz nicht aufgeräumt wird. Die schnell wachsenden Fichten sollen von 60 Prozent auf nur noch ein Drittel aller Bäume reduziert werden, damit der Wald wieder aussieht wie einst, mit Laubbäumen wie Buchen, Ahorn, Kastanien, ein paar Kirschen hier und da. Beim Waldbaden fällt kaum auf, dass wir nach vier Stunden „nur“ rund vier Kilometer zurückgelegt haben. Jeder Quadratmeter voller Entdeckungen, manche sogar essbar: Ahornblätter schmecken bitter, Waldsauerklee ist erfrischend sauer.

Und dann die Rinden. „Diese hat geradezu einen Pelz, wie cool“, schwärmt Lang, als er an den grünlich benetzten Stamm einer Buche tritt. Seine Hände gleiten auf dem dünnen Moos entlang, das sich hier angesiedelt hat. Vorhin ist er an einen Ahorn mit seiner unebenen, dicken Rinde getreten und hat ihn nicht etwa umarmt. Nein, er hat an ihm gerochen. Für Lang verströmte die Rinde das Aroma von Wald und die eigene Note des Baumes. Ich habe es auch probiert, für mich duftete die Borke bestenfalls nach – Borke. Aber es ist ja schließlich mein erstes Waldbad.

Auf zum Waldbaden
In Bad Dürrheim – und überall, wo es ausreichend Bäume gibt

Zum Kurort

Bad Dürrheim liegt auf 700 Metern auf der Hochebene der Baar in Baden-Württemberg und ist als erste „Nachhaltige Stadt“ Deutschlands zertifiziert. badduerrheim.de

Hauptsache, gesund
Bad Dürrheim ist Heilklimatischer Kurort, Sole-Heilbad und Kneippkurort. Sport­licheres Heilklima-Wandern oder das ruhigere Wald­baden lassen sich mit Kneippanwendungen (auch im Wald) und einem Besuch der Solemar-Therme verbinden. Neu: verjüngendes „Biohacking“, auch mit Wald- und Eisbaden.
biohacking-bd.com

Zum Trend

Waldbaden verbindet geruhsames Gehen mit Achtsamkeits- und Atemübungen im Wald. Alle Sinne sind über Tasten, Riechen, Fühlen, Schmecken und Sehen beteiligt.

Trainer:innen

Die Ausbildung zum/zur Coach:in ist nicht geschützt; es hängt vom jeweiligen Angebot ab, wie Yoga-, Meditations- oder Qigong-Elemente integriert werden, ob Gehen mit geschlossenen Augen oder Heilkräuter im Vordergrund stehen.

Autofrei in die Natur

Der Schwarzwald ist eines von 23 Fahrtziel-Natur-Gebieten und aus ganz Deutschland mit der Bahn erreichbar. Die Kooperation von DB, BUND, Nabu und VCD hat zum Ziel, den touristischen Verkehr in sensiblen Naturräumen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Infos auf
fahrtziel-natur.de/schwarzwald

Erschienen in DB MOBIL Ausgabe 06/2022

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