Zeichnen an der Wand

Mal malen sie Corona-Helden, mal sprühen sie Botschaften, die uns im Vorbeigehen berühren: Seit genau einem Jahr reagieren Straßenkünstler mit Wandbildern – sogenannten Murals – auf die Pandemie. Eine Reise von Wand zu Wand.

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Paar, Hand in Hand mit Masken
Tim Osseg E.
Nähe in Zeiten von Corona: Mit seinem Plakat in Köln-Ehrenfeld zeigt Tim Ossege, wie wichtig Gesten bleiben. Seine Motive sprüht er im Atelier auf Papier, bevor er sie im öffentlichen Raum zeigt.

Plötzlich fehlte es: ein melonengroßes Modell des Coronavirus, in das sich eine Spritze bohrt. Zurück blieben nur Klebereste an einer Backsteinwand, auf der das Molekül zuvor angebracht wurde. Nun war es weg. “Für immer?”, fragten die Nachbarn, die sich längst an das Kunstwerk gewöhnt hatten. Ein paar Monate zuvor, im Sommer 2020, war es eines Morgens überraschend an der Wand des Hamburger Bernhard-Nocht-­Instituts für Tropenmedizin aufgetaucht. Ein passender Ort, denn dort wird auch an neuen Corona-Testverfahren geforscht. Zuerst fragte man sich im Institut, ob man das Werk abhängen sollte, um es vor Beschädigungen zu schützen. Doch schnell merkte man, wie begeistert Mitarbeiter und Besucher auf die Anwesenheit reagierten.

Wer genauer hinschaute, erkannte die Risse in dem Molekül. Die Spritze werde das Virus besiegen, lautete die frohe Botschaft der Installation. Dann, eines Nachts, war die Wand eben wieder leer. Das offenbar mit Hingabe gestaltete Werk ereilte ein Schicksal, das zum Wesen fast jeder Straßenkunst gehört: Sie ist oft nur von kurzer Dauer.

Seit sich das Coronavirus vor einem Jahr in der Welt ausbreitete, erlebt die Ausdrucksform der Hauswandmalerei eine Sternstunde. Überall in Deutschland und in vielen Ländern Europas ziehen Street-Art-Künstler mit Spraydosen und Farbrollen durch die Städte (vielerorts gibt es legale Flächen für diese Form der Kunst). Ihre Werke sind eine direkte Reaktion auf die Pandemie. Dabei entstehen Wandbilder, Murals, deren Motive manchmal länger in den Köpfen haften bleiben als an den Wänden. Das Porträt von Gollum aus „Der Herr der Ringe“, der im Mauerpark in Berlin gierig eine Rolle Klopapier fixiert oder das einer Krankenschwester mit Super Woman-Mundschutz auf einer Wand in Amsterdam – Bilder davon kursieren noch immer in den sozialen Medien, während die Werke selbst längst übermalt worden sind.

Eines Nachts war die Wand wieder leer,
die Kunst verschwunden

Uwe Pütz

Schon immer griffen Künstler aktuelle Entwicklungen auf, stellten sie kritisch, humorvoll, drastisch dar. In Corona-Zeiten fällt dies nicht schwer, Themen gibt es genug. Der Argentinier Alaniz gestaltete das Bild eines auf dem Boden liegenden Mannes im Schutzanzug, der auf sein Smartphone starrt. „Die Menschen sind verunsichert und hoffen auf gute Nachrichten“, erklärt der in Berlin lebende Künstler die Idee für sein Mural, das in der Hauptstadt eine ganze Wand der Urban Spree Gallery ziert und durchaus medienkritisch gemeint ist.

Lapo Fatai widmete in Mailand den Krankenschwestern eines Hospitals ein fassadenfüllendes Bild, Ardif in Paris dem Pflegepersonal eine siebensprachige Danksagung. Andere setzen sich mit den Freiheitsrechten auseinander: Der Künstler The Rebel Bear schuf in Glasgow einen Mann, dem das ­Virus wie eine Eisenkugel am Bein hängt. In vielen Städten gibt es mittlerweile Touren zu Street-Art oder Straßenkunst – am besten, man fragt im Tourismusbüro nach Führungen.
„Nie war die Zeit für Street-Art besser als jetzt, denn der klassische Kulturbetrieb ist in Quarantäne“, erklärt Pascal Baumgärtner, der seit 2014 in Heidelberg das Street-Art-Festival Metropolink leitet, den globalen Trend. Die Ursprünge der heutigen Graffiti-Kunst sieht Baumgärtner im New York der 1980er-Jahre, als Künstler begannen, U-Bahnhöfe zu markieren. Genauso lange schwelt auch der Streit darüber, ob es sich bei den Werken um Kunst handelt oder schlicht um Sachbeschädigung.

Im Unterschied zu Künstlern der Graffiti-Szene arbeiten die Urheber von Murals meist auf zugelassenen Flächen wie etwa im Mauerpark in Berlin oder hinterlassen ihre Arbeiten mit Erlaubnis der Hausbesitzer. Bis der Nächste kommt und alles übermalt. „Es ist eine Form, die spontane Gefühle hervorrufen und einen auch zum Nachdenken bringen kann“, sagt Baumgärtner über die positive Kraft der Hauswandgemälde.

Die erlebten auch Mitarbeiter und Besucher des Hamburger Tropeninstituts: Eines Morgens zierte das Virus wieder die Wand – als Molekül, das auseinanderbricht.

Bahnhof als Kunsthalle

Deutsche Bahn und Graffiti? Was lange Zeit zurecht unvereinbar schien, hat im Heidelberger Hauptbahnhof zusammengefunden. Auf der Nordwand der Eingangshalle prangt ein 15 mal 11 Meter großes Wandbild, das im Auftrag der DB und der Stadt Heidelberg von dem Duo PichiAvo aus ­Valencia entworfen wurde. Die beiden gelten als Stars der Graffitiszene und stehen – wie der Bahnhof selbst – sinnbildlich für die Verbindung verschiedener Welten. Entstanden ist das Motiv eines Adlers und des Zeus-Lieblings Ganymed im Rahmen von Metropolink, dem örtlichen Festival für urbane Kunst (metropolink-festival.de), das in diesem Jahr vom 29. Juli bis 8. August stattfindet.

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