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Goldene Zeiten

TV-Serien, die sowohl Zuschauer als auch Kritiker begeistern und selbst im Ausland ein Hit sind – dazu immer dickere Budgets: So gut wie jetzt hatten es deutsche Fernsehmacher schon lange nicht mehr. Ein Report aus einem der wenigen Kulturbereiche, die derzeit keinen Grund zu klagen haben

Von:
Lesezeit: 10 Minuten
Frédéric Batier / X Filme Creative Pool / ARD Degeto / WDR / Sky / Beta Film 2019
"Babylon Berlin" von Tom Tykwer

Es wirkt wie eine ironische Fußnote, dass der Beginn der neuen goldenen Zeit für die deutsche Film- und Fernsehindustrie ausgerechnet mit einer TV-Serie begann, die den Titel „Dark“ trägt. Am 1. Dezember 2017 wurde die Serie, hinter der das kreative Duo Jantje Friese (Buch) und Baran bo Odar (Regie) steht, vom Streaminganbieter Netflix freigeschaltet.

Es ist eine Serie, am Ende drei Staffeln und 26 Episoden lang, die in der fiktiven Kleinstadt Winden spielt – düster, mysteriös und unglaublich komplex erzählt. Es geht um verschwundene Kinder, um vier miteinander verstrickte Familien und eine „Passage“ im Wald, die das Zeitreisen und damit komplizierte Handlungssprünge von 1888 bis 2053 ermöglicht. „Dark“, das erste deutsche „Netflix Original“ (so heißen die Eigenproduktionen), ist eine deutsche Serie, mit deutschen Schauspielern und realisiert von deutschen Produzenten. Und tatsächlich ein Welterfolg.

Netflix
"Dark" auf Netflix

Konkrete Zuschauerzahlen nennt Netflix nicht, aber sicher ist, dass „mehr als 90 Prozent der Zuschauer, die ,Dark‘ angeschaut haben, aus dem Ausland kommen – wobei die Serie auch in Deutschland großen Erfolg hatte“, erklärt Kai Finke. Finke ist bei Netflix für Filme, Koproduktionen und Lizenzierungen im deutschsprachigen Raum verantwortlich. Er wohnt noch in Amsterdam, wo sich die Europazentrale befindet, zieht aber 2021 nach Berlin. Dort hat Netflix im Oktober 2019 sein deutsches Büro eröffnet. Mehr als 50 Personen arbeiten mittlerweile dort.

„Vor fünf, sechs Jahren wusste in der Branche niemand, wer in Deutschland der Kontakt zu Netflix sein könnte“, erinnert sich Quirin Berg, der mit seinem Partner Max Wiedemann „Dark“ produzierte. Er sei für die ersten Gespräche noch nach Los Angeles geflogen, „in das alte Büro in Beverly Hills, wo sich gefühlt ein Dutzend Menschen ums Programm kümmerte. Das hatte eher Start-up-Atmosphäre. Heute dagegen sind es Dutzende Büros im Net­flix-Tower, einem ikonischen Hochhaus in Hollywood“, erzählt Berg.

Eine Geschichte über den Boom deutscher Serien muss mit Netflix beginnen, auch wenn es heute einen harten Konkurrenzkampf auf dem Markt gibt. Disney+ und Apple TV sind gestartet, HBO Max kommt 2021, es gibt Magenta TV von der Telekom. Auch Amazon setzt mit Prime Video auf exklusive deutsche Serien, etwa „You are Wanted“ von und mit Matthias Schweighöfer. Der Pay-TV-Anbieter Sky mischt ebenfalls mit, etwa mit „Babylon Berlin“ (Sky/ARD) und der Horrorserie „Hausen“. Und die Berliner Gangstersaga „4 Blocks“ ist vom Bezahlsender TNT Serie. Auch die Platzhirsche des deutschen Fernsehens haben aufgerüstet: RTL hat TV Now, ARD und ZDF ihre Mediatheken und ProSiebenSat.1 die Plattform Joyn, für die etwa Christian Ulmen und Fahri Yardim ihre Serie „Jerks“ umsetzten.

Sky Deutschland / Lago Film GmbH / Reiner Bajo
Die deusche Mystery-Horror-Serie "Hausen"

Der Boom deutscher Serien, diese Goldgräberstimmung, erinnert Produzent Quirin Berg „an die goldenen 90er-Jahre“, als sich in Deutschland das Privatfernsehen etablierte. „Aber während wir diese Zeit als Produzenten selbst nur retrospektiv kennen, sind wir jetzt diejenigen, die die Streaming-Ära aktiv mitgestalten.“ Das heiße aber nicht, dass die Nuggets auf der Straße lägen. Pionierzeit sei eine Zeit, in der investiert werden müsse. „Aber uns bieten sich gerade grandiose Chancen.“

Netflix hat sich dabei in wenigen Jahren für die Unterhaltungsindustrie zu dem
entwickelt, was Tesla für die Automobil­branche ist: Es ist der „Game Changer“, der die Regeln der Branche neu schreibt. Besonders seit Netflix bei seiner weltweiten Expansion die lokalen Märkte für sich entdeckt hat. „Unser Ziel als Programmverantwortliche für den deutschsprachigen Raum ist es zunächst, unseren Kunden zwischen Sylt und der Steiermark ein attraktives Angebot zu machen, mit internationalen, aber eben auch mit deutschen Inhalten. Wenn diese Programme dann auch in Frankreich, Spanien oder Australien Fans finden, umso besser“, erklärt Finke. Netflix, 1997 von Reed Hastings und Marc Ran­dolph gegründet, hat sich von einem DVD-Versand mit einem amerikanischen Unterhaltungsangebot zu einem weltweiten Online-TV-Sender mit mehr als 195 Millionen Abonnenten entwickelt.

Als Kai Finke 2015 zu Netflix kam, habe es, obwohl der Dienst seit September 2014 verfügbar war, „gefühlt noch fast keine Kunden in Deutschland gegeben“. Heute sind es mehr als acht Millionen zahlende Mitglieder. Seitdem pendelt Finke viel zwischen Deutschland, Amsterdam und Los Angeles. Die Dichte an Kreativen vor und hinter der Kamera in L. A. erleben zu können, habe er als ziemliches Privileg empfunden, sagt er. An den Amerikanern gefalle ihm die Can-do-Mentalität. Dieses Großdenken, um dann, so die Idee funktioniert, sie entschlossen umzusetzen, wenn möglich auch weltweit – wie im Fall von Netflix. Mittlerweile gibt es neben Amsterdam europaweit Büros in Paris, Rom, Madrid und London, in denen Filme und ­Serien, aber auch Dokus, Shows oder Comedy-Formate produziert werden. „Netflix Originals“, auch Filme und Serien made in Germany, werden grundsätzlich für das heimische Publikum produziert, sie sind aber nahezu weltweit abrufbar, wofür Net­flix zahlreiche Synchron- und Untertitelversionen erstellt. Seit 2017 hat der Streamingdienst dabei das Angebot deutscher Originale stetig ausgebaut. So wurden 2019 sieben Eigenproduktionen veröffentlicht, 2020 waren es bereits knapp 20. Allein bei den Serien gab es dabei so unterschiedliche Stoffe wie „How to sell drugs online (fast)“ (ein Nerd wird zum Darknet-Drogenmogul), „Barbaren“ (wüstes Germanen-Gemetzel) oder die betont ruhig erzählte Serie „Unorthodox“ (junge New Yorker Jüdin flieht vor ihrer strengen Familie nach Berlin), für die Maria Schrader den Emmy Award für die beste Regie einer Miniserie erhielt.

ZDF/Stefan Erhard
Schauspielerin Sonja Gerhardt in der Serie "Ku’damm 56"

Für einen Boom, wie ihn die deutsche Filmindustrie gerade erlebt (jenseits des durch Corona schwer angeschlagenen Kinos), brauchte es Konkurrenten, die den Markt bewegen. Dass es so wie zuvor nicht weitergehen konnte, war etwa Florian Hager lange bewusst. Hager ist der Mann für die Zukunft bei der ARD. Seit Anfang 2020 ist er stellvertretender Programm­direktor in München und dort verantwortlich für die ARD-Mediathek. Zuvor hatte er das Jugendangebot Funk für ARD und ZDF aufgebaut. „Umparken im Kopf“ nennt er das, was gerade innerhalb der ARD passiert. „Wir müssen lernen, auch einmal in Kauf zu nehmen, dass ein Programm nicht den gewünschten Erfolg auf einem Sendeplatz im Ersten haben wird – aber dafür neue Zuschauer für die Mediathek gewinnt.

Die ARD, dieser föderale Tanker, komme etwas spät zur Party, gibt er lachend zu, „aber dafür mit Wucht“. Das Erste sei im linearen Fernsehen weiterhin extrem erfolgreich, allerdings vor allem bei den Zuschauern 50 plus. Viele Besucher der Mediathek kämen weiterhin über das gewohnte Programm („Sendung verpasst“), aber um die jüngeren Zielgruppen nicht komplett an Netflix oder Amazon zu verlieren, „müssen wir andere Programme erstellen. Jünger, diverser, mit anderen, auch spitzeren Themen“.
Vieles sei in der Produktion, durch Corona aber würde sich das erst ab Herbst 2021 zeigen. Gerade Serien seien für die Mediathek wichtig – die aber hat die ARD, sieht man einmal von den Krimiformaten wie „Tatort“ ab, in den vergangenen Jahren kaum produziert. Im klassischen Fernsehen mit festen Sendeplätzen und Zuschauern, die beim Reinzappen ins Programm immer die Chance haben müssen, sofort zu verstehen, worum es geht, haben es serielle Formate traditionell schwer. Anders in der Mediathek. Nicht zufällig sind „Babylon Berlin“, „Oktoberfest 1900“ und die Klassiker „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“ besonders beliebt.

Katalin Vermes
Die Serie "Barbaren" läuft auf Netflix

Hager & Co. müssen das Dilemma moderieren, in dem alle klassischen Sender stecken. Das Stammpublikum nicht vergraulen, aber auch Programme entwickeln, die für ein U-50-Publikum attraktiv sind. Ein Publikum, das längst gewohnt ist, selbst zu entscheiden, was es wann, wo, auf welchem Gerät und wie lange schauen will. Wobei die Konkurrenz um die Bildschirmzeit in Wahrheit noch weit größer ist, wenn man an soziale Medien, Youtube und Spielkonsolen denkt. ARD-Mann Hager will sich davon nicht schrecken lassen: „Es ist ein Transformationsprozess, der für uns nicht einfach ist, auch schmerzhaft, aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die meisten in der ARD auch die Riesenchance sehen.“
Ähnlich optimistisch sieht Nico Hofmann die Situation. Hofmann, Chef der Ufa, des größten Film- und TV-Unternehmens Deutschlands, ist der Erfinder des Genres „TV-Eventserien“ – von „Dresden“ bis „Charité“ und „Ku’damm 56/59/63“. Die Ufa produziere gerade mehrere Programme für internationale Streaming-Plattformen, der Boom habe 2020 einen Umsatzboost von 20 bis 30 Prozent gebracht. „Ich bin aktuell in der glücklichsten Phase meiner Berufskarriere“, sagt er. Die Herausforderung bestehe darin, dass man nun mit Produktionen aus der ganzen Welt in Konkurrenz stehe. „Also mit Serien aus den USA, die teilweise das vierfache Budget haben.“

Um das „Bouquet an neuen Möglichkeiten“ wirklich zu nutzen, brauche es ständige Innovationskraft – und die komme heute vor allem vom Nachwuchs, den man gezielt fördern müsse. Hofmann ist dabei Vorreiter, er ist auch Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg und hat vielen seiner Studenten früh große Projekte anvertraut. „Ich habe es heute mit ganz anderen Studierenden zu tun als vor 20 Jahren“, sagt er. Die haben oft eine viel komplexere Herkunftsgeschichte und eine große Kraft, ihre Geschichten zu erzählen. Diese handeln von Migration, von Heimat, von Familie und Diversität. „Das sind die Themen, die eine größere Rolle spielen werden.“
Mit dem Nachwuchs, den immer neuen Gesichtern, die der Serienboom fordert, muss sich auch Simone Bär beschäftigen. Bär ist die bekannteste Casterin in Deutschland, sie besetzte Hunderte Filme und Serien, von „Das Leben der Anderen“ bis „Inglourious Basterds“, „Babylon Berlin“ und „Dark“.

Netflix
Die Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" war international ein Erfolg

„Bei den Hauptdarstellern kommen wir mittlerweile an einen Punkt, an dem ich manchmal denke: oh Gott, ob das alles realisierbar ist?“ Der Pool an möglichen Hauptrollenspielern sei in Deutschland nun mal begrenzt. Das sogenannte horizontale Erzählen mit komplexen Handlungssträngen und vielen (Haupt-)Rollen stellt auch an Bär neue Anforderungen.
Aber wo bekommt sie die ganzen jungen, begabten Schauspieler, die in all den neuen Serien auftauchen? „Das Internet hilft sehr, es gibt viel mehr Videos von Schauspielern.“ Heute schickt Bär für Rollen, die sie nicht aus dem Kopf besetzen kann, Suchanfragen über die Plattform castupload.com heraus, auf die sich dann Schauspieler mit einem „About me“, einem kurzen Film über sich selbst, bewerben können.

Der Vorteil des Booms ist auch, dass Produzenten, Regisseure und Verleiher heute „viel offener dafür seien, auch unbekannteren Darstellern die Chance auf eine wichtige Rolle zu geben“. Und nicht mehr – wie lange üblich – auf bekannte Namen und Gesichter zu bestehen. „Bei ‚Dark‘ etwa ging es nie um Namen, immer nur um die beste Besetzung“, sagt Bär.

Anika Molnar / Netflix
"Unorthodox" von Maria Schrader ist auf Netflix verfügbar

Der Serienboom beförderte dennoch neue Stars, auch wenn in den neuen Serien meist der Plot wichtiger ist als einzelne Darsteller. Etwa Lars Eidinger („Babylon Berlin“) oder Oliver Masucci („Dark“, „Tribes of Europa“), die zuvor Größen vor allem im Theater waren. Paula Beer, die Hauptdarstellerin der ZDF-Serie „Bad Banks“, und Liv Lisa Fries („Babylon Berlin“, ARD/Sky) wurden aus dem Nichts zu Stars. Die neue Offenheit ermöglicht es aber auch Etablierten wie Desirée Nosbusch (ebenfalls in „Bad Banks“), sich einmal ganz anders und quasi neu zu zeigen.

Im Endeffekt, so herausfordernd der Umbruch für die Macher auch im Einzelnen sein mag, gewinnen am Ende alle. Vor allem die Zuschauer.

Tribes of Europa
Im Jahr 2074 ist Europa nach einer Katastrophe zerstückelt und von Clans beherrscht. Drei Geschwister kämpfen um eine neue Ordnung. Netflix-Serie, erdacht von Philip Koch, produziert von Max Wiedemann/Quirin Berg. (Ab 19.2.)

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Von Amazon angekündigt als „moderne und zeitgenössische Interpretation“ des Buchstoffs von 1978, der sich um sechs Jugendliche dreht. Regie führte ­Philipp Kadelbach, das Drehbuch kam von Annette Hess („Weißensee“).

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