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Ewig jung

Kann man das Alter aufhalten? Unsere Autorinnen haben es versucht und sich verschiedenen Behandlungen ausgesetzt. Und dabei sehr spezielle Erfahrungen gemacht

Von:
Lesezeit: 10 Minuten
Jewgeni Roppel
Schockfrosten bei minus 157 Grad. Lässt sich so das Altern aufhalten?

Katja Heer:

Es büxen immer mal welche aus. Im Schutze der Dunkelheit laufen sie den Berg hinunter und schleichen sich in die Lokale. Hat mir jemand erzählt, der schon mal hier in Bad Pyrmont gefastet hat. An diese Anekdote denke ich, als ich auf dem Weg zur Buchinger Klinik ein paar Restaurants passiere.

Tag 1

Ankunft in der Fastenklinik. Hier werde ich die nächsten neun Tage verbringen. Hungernd. Nicht um abzunehmen, sondern um mich zu verjüngen. Wenn der Körper auf Nährstoffe verzichtet, schalten die Zellen nach einer Weile in eine Art Notprogramm. Sie bauen nicht mehr benötigte Bestandteile ab, reparieren oder ersetzen sie durch neue Zellen. Dieser Prozess heißt Autophagie. Dafür nehme ich ab jetzt nur noch Tee, Brühe, Säfte und etwas Honig zu mir. Insgesamt 200 bis 300 Kalorien pro Tag.

Majid Moussavi
Autorin Katja Heer vor und nach ihrem Experiment. Hinter ihr liegen zahlreiche Spaziergänge, Fruchtsäfte und der Menschheitstraum eines endlosen Lebens

Mit meinem Reisepass-Alter – 47 Jahre – habe ich kein Problem. Ich bin einfach neugierig, wie es meinem Körper geht. Manche Fitnessstudios bieten neuerdings an, das „biologische Alter“ zu ermitteln, unter anderem anhand von Blut-, Fett- und Herzwerten. Kurz vor der Abreise ließ ich mich im Aspria-Gym zu Hause in Hamburg testen. Ergebnis: 40. Eine Alterszahl, die mit 3 beginnt, wäre noch schöner. Erreiche ich die hier in Bad Pyrmont?

 

Tag 2

Nach fast 24 Sunden ohne Nahrung bin ich nicht mehr so optimistisch. Ich wache mit Kopfschmerzen auf, mir ist kalt und übel. Ich bekomme einen Einlauf, was fortan alle zwei Tage geschehen wird. Dieses Detail hatte ich in der Vorbereitung ausgeblendet. Mittags darf ich einen frisch gepressten Saft im „Trinkraum“ zu mir nehmen, in dem sich abends die Patienten erneut einfinden, um ihre Brühe zu schlürfen. Dabei wird viel über Krankheiten und die Verdauung gesprochen, oft noch bevor man sich vorgestellt hat. Während ich Gemüsesuppe löffle, denke ich: Wenn Essen immer so schmecken würde, könnte ich es auch lassen.

 

Tag 3

Ich wache zittrig auf und quäle mich hoch. Später raffe ich mich zu einem Ausflug durch Bad Pyrmont auf. Manche einst prächtigen Gebäude könnten auch eine Verjüngungskur gebrauchen, finde ich. Mein Rücken schmerzt, ich komme mir vor, als wäre ich um Jahre gealtert. Bei einer Pause auf einer Parkbank rufe ich meine Kollegin Aileen an. Sie würde auch gern an ihrem biologischen Alter schrauben, aber dafür ungern neun Tage hungern. Sie fand eine Methode namens Biohacking, die insgesamt nur zwölf Stunden dauern soll und nicht neun Tage wie bei mir. Wir scherzen über meinen kraftlosen Zustand, tauschen aus, was wir übers Älterwerden wissen. Zum Beispiel, dass der Wunsch nach ewiger Jugend seit je die Menschen ­begleitet. Beschworen in unzähligen Erzählungen, ob in der griechischen Göttersage um Eos, die für ihren Mann um immerwährendes Leben bittet, oder in „Das Bildnis des Dorian Gray“, in dem Oscar Wilde dem Titelhelden ewige Jugend schenkt – nur dessen Porträtbild altert. Auch scheint die Faszination für den Untoten Dracula und seine Mitvampire ungebrochen.

Womit man gar nicht so falsch liegt. Der Schweizer Neurobiologe Tony Wyss-Coray hat entdeckt, dass man das Altern nicht nur stoppen, sondern umkehren kann – durch die Gabe von jungem Blut. Alte Mäuse, die das Blut junger Tiere bekamen, präsentierten sich runderneuert: Herz, Lunge, Muskeln, Gehirn, alles wieder fit.  Dasselbe passierte, als ihnen das Blutplasma junger Menschen verabreicht wurde.

 

Majid Moussavi
Rückenbrüste? Beim Schröpfen wird die Haut mittels Unterdruck angesaugt. Das sieht fies aus, löst aber Verspannungen

Mittags darf ich einen frisch gepressten Saft im „Trinkraum“ zu mir nehmen, abends eine Brühe.

Katja Heer

Ich erreiche Wyss-Coray in seinem Büro im kalifornischen Stanford, frage nach dem Stand seiner Forschung. „Wir haben zwei Studien mit Personen durchgeführt, die an typischen Alterskrankheiten leiden: Alzheimer und Parkinson“, erzählt er. Nachdem sie regelmäßig Plasma junger Menschen erhalten hatten, wurden sie erneut untersucht. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Krankheiten verlangsamt oder sogar gestoppt werden konnten.“ Der Forscher drückt sich vorsichtig aus. Für konkrete Schlüsse sei es zu früh, die Resultate der Studienphase mit mehr Personen erwarte er in zwei Jahren. „Ich bin aber überzeugt, dass wir in ein paar Jahren Alterungsprozesse aufhalten und Menschen jung alt werden können“, sagt er.

Ich gehe zurück in die Klinik und denke über junges Blut und alte Sagen nach. Derweil überlasse ich meiner Kollegin für zwei Seiten das Wort. Wie ist es ihr beim Biohacking ergangen?

Aileen Tiedemann:

Jewgeni Roppel
Unsere Autorin erprobt „Hacks“ für ein langes Leben: kurz und hart trainieren
Jewgeni Roppel
...und immer wieder Werte messen (mit Trainer Fabian Foelsch)

Am Telefon erzählt mir meine Kollegin Katja, dass sie 
auf ihrer Fastenkur vor lauter Hunger von Gulaschsuppe träumt. Da bin ich froh, dass ich mich für eine andere Methode entschieden habe, um mein biologisches Alter unter meine amtlich beglaubigte Marke von 44 Jahren zu drücken. Schlagwort: Biohacking.

Die Einführung ins Thema gibt mir Fabian Foelsch, Ex-Leistungssportler und Gründer des Berliner Biohacking-Start-ups Braineffect, dessen erklärtes Ziel es ist, 120 Jahre alt zu werden. „Beim Biohacking geht es darum, mithilfe von Coaching und Gadgets den Körper so gut zu verstehen, dass man daraus konkrete Maßnahmen ableiten kann“, erklärt der 34-Jährige, als wir uns zu einem eintägigen Crashkurs in Hamburg treffen. 

Eine Woche zuvor hatte mir Foelsch einen „Oura“-Ring geschickt, der meinen Schlaf misst. Außerdem habe ich mit einem Selbstbluttest Biomarker wie etwa meine Vitamin-D-Werte ermitteln lassen. Auch mein biologisches Alter habe ich überprüfen lassen: Es liegt bei nur 39 Jahren. Werte ich als gutes Vorzeichen. Heute zeigt Foelsch mir mehrere „Hacks“, die ich in meinen Alltag integrieren kann, um ausgeruhter, gesünder, fitter und leistungsstärker zu werden.

Jewgeni Roppel
Sehen Sie einen Unterschied? Die Autorin vor dem Biohacking und nach dem Biohacking

Wir besuchen das Kälteinstitut Cool Bodies. Dort lasse ich mich in einer Cryo Chamber zwei Minuten lang bei bis zu minus 157 Grad schockfrosten. Ich lerne: Das baue Stress ab, verbrenne rund 400 Kalorien und stärke mein Immunsystem. „Dusche jeden Morgen kalt und steigere dich langsam auf 120 Sekunden. Das erhöht dein Energielevel für den ganzen Tag“, sagt Foelsch und serviert mein Low-Carb-Frühstück: Matcha-Tee mit einem besonderen Öl. „Gesunde Fette sind essenziell für ein funktionierendes Gehirn im Alter.“ Außerdem halte das Öl meinen Blutzuckerspiegel stabil und wirke in Kombination mit dem Koffein wie ein Raketentreibstoff.

Kann ich gebrauchen, denn nun steht intensiver Sport im Fitnessstudio Athletik Docks im Hamburger Schanzenviertel an. Mit Stoppuhr in der Hand befiehlt mir Personal Trainer Pino, 30 Minuten lang Push-ups und Kniebeugen zu machen und zwölf Kilo schwere Gewichte zu tragen. Das Ziel: den Körper kurz hochzufahren, um dann schnell wieder zu ­regenerieren. „High-Intensity-Training stärkt die Mitochondrien, die Zellkraftwerke unseres Körpers. Je besser die funktionieren, desto jünger bleiben wir“, sagt Foelsch. Genauso wichtig sei Entspannung. Deshalb meditiere ich nach dem sogenannten Brain­food-Lunch (Quinoa, Avocado, Biolachs) zehn Minuten lang mit dem Neurofeedbackgerät Muse auf dem Kopf. Es misst meine Gehirnströme und bestätigt mir anschließend, dass ich mich tatsächlich in einem meditativen Zustand befunden habe. „Du hast da echt eine Gabe“, lobt Foelsch. Ich beginne zu verstehen, was all das Messen und Analysieren beim Biohacking soll. Es ist wie ein Spiel, das man selbst steuert. „Was man nicht messen kann, kann man nicht verbessern“, sagt Foelsch oft.

Jünger fühle ich mich nach diesem Tag nicht, eher erschöpft. Ein paar Tage später lasse ich mein biologisches Alter erneut ermitteln: 39. Unverändert also. Dann mal so gefragt, Fabian Foelsch: Wie werde ich 120? Er holt Luft: „Gut schlafen, möglichst vegetarisch ernähren, wenig Zucker essen, Blutwerte testen lassen und Mängel mit Nahrungsergänzungsmittel beheben, sich oft und intensiv bewegen und den Körper regelmäßig aus Komfortzone bringen. Etwa mit Eisbädern.“ Moment, hat er „fasten“ gesagt? Wie geht es eigentlich Katja?

 

Katja:

Tag 4

Ich fühle mich richtig fit, klar im Kopf. Wow. Ich wandere durch den winterkahlen Wald und frage mich: Wie lange will ich leben? 150 Jahre, sollte das je möglich sein? Was würde eine solche Lebenserwartung auf dem Planeten anrichten? Ich denke an die Nachrichten dieser Tage: Corona, Trump-Chaos, Klimawandel. Neulich las ich ein Zitat einer 90-jährigen Amerikanerin, es ging um Waldbrände in Kalifornien: „Ich habe keine große Hoffnung für die Menschheit. Vielleicht ist die nächste Spezies ein wenig vernünftiger.“

Majid Moussavi
Arztgespräch: Verena Buchinger-Kähler leitet die Fastenklinik in Bad Pyrmont

Tag 5

Morgens im Spiegel finde ich mich jünger, frischer Teint, glänzende Augen. Kein graues Haar auf dem Kopf. Normalerweise muss ich alle paar Tage drei, vier auszupfen. Zufall?  Ich treffe Verena Buchinger auf dem Flur, Ärztin und Leiterin der Klinik. Sie sagt, ich hätte den typischen Fasten-Glow im Gesicht. Mittags, ich zähle 100 Stunden ohne Essen, rufe ich Theo Dingermann an, emeritierter Professor für pharmazeutische Biologie in Frankfurt am Main. Seit zwei Jahren schluckt er täglich Metformin. Das Diabetes-Medikament gilt als Jungmacher, weil es Entzündungsprozesse im Körper verringern, freie Radikale vermindern soll. Erkenntnisse sind noch vage, laut Dingermann deuteten Tierversuche und Tests mit Übergewichtigen aber darauf hin, dass Metformin den Alterungsprozess einhegen könnte. Bei sich selbst sieht Dingermann keinen Effekt: „Ich bin gesund, deshalb fühle ich mich nicht besser als vorher. Man merkt ja nicht, wenn etwas verhindert wird.“ Neben Metformin werden weltweit weitere Medikamente und ­Wirkstoffe auf ihre Anti-Aging-Wirkung überprüft: Wachstumshormone, das Immunsuppressivum Rapamycin oder Spermidin, eine Substanz, die auch in Nahrungsmitteln vorkommt (siehe Kasten).

Tag 6

Ich habe zum ersten Mal krassen Hunger. Mit brummelndem Magen nehme ich mit Moritz Riesewieck Kontakt auf. Für ein Buch besuchte er mit Co-Autor Hans Block Unternehmen, die Tote auferstehen lassen: als ­Avatar, mit dem man mittels Virtual-Reality-Brille interagiert, oder als 3-D-Hologramm, das in den Raum projiziert wird. „Wir sammeln unser Leben lang persönliche digitale Daten“, erzählt der Autor. „Künstliche neuronale Netze werden mit diesen Daten gefüttert und können sie auslesen. Dadurch wird ein digitaler Doppelgänger erschaffen, der vom Vorbild kaum zu unterscheiden ist: Er spricht mit derselben Stimme, handelt in derselben Weise.“ Ein Start-up in Japan treibt es noch weiter: Dessen Roboter tragen eine Haut, damit man den Doppelgänger auch anfassen kann. Ich frage mich: Was macht es wohl mit Trauernden, wenn sie nie abschließen können, weil die Kopie eines geliebten Menschen vor ihnen sitzt? Ich muss los, zum Akupunktur- und Schröpftermin bei John Zhou. Der Arzt will meine Rückenprobleme behandeln. Ein Vorteil einer ­digitalen Kopie: keine Schmerzen mehr.
 

Majid Moussavi
Nicht einfach, wenn man lange nichts außer Brühe, Wasser, Tee und Säfte zu sich genommen hat.
Majid Moussavi
Auf den Fluren der Buchinger Klinik trifft man derzeit wenige Menschen, Schutzmaßnahmen wegen Corona

Tag 7

Zitternd erwache ich. Schweißausbrüche, Herzrasen. Schwester Mechthild misst meinen Blutzucker und bekommt einen Schreck. Mein Wert liegt bei 44 mg/dl, normal wären 80, unter 60 gilt als bedenklich. Besorgt schiebt Schwester Mechthild mir ein Blättchen Traubenzucker in den Mund, verabreicht mir Honig, mehr Traubenzucker. Der Wert klettert wieder. Später spreche ich mit der Ärztin, und wir beschließen: Morgen höre ich auf. Einen Tag früher als geplant. Die gute Nachricht: Meine Ketonwerte im Urin sind extrem hoch, ein Zeichen für die Autophagie. Ich werte das als Aufforderung, Schluss zu machen.
 

Majid Moussavi
Der Apfel zum Fastenbrechen. Man soll ihn möglichst lange genießen.

Tag 8

Um elf Uhr wartet ein Apfel im Zimmer. Ich solle ihn mit allen Sinnen genießen und mich eine Stunde lang mit ihm beschäftigen, so Buchingers Rat. Nach 15 Minuten ist der Apfel weg. Das Abschlussgespräch mit der Ärztin beginnt mit einer Überraschung. Meine vorher guten Blutwerte haben sich in einem Punkt verschlechtert: Cholesterin. Buchinger ist erstaunt, das hat sie noch nie gesehen. Wohl der Fastenstress? Sonst sind alle Werte prima. Etwa ist die Fähigkeit meines Körpers, mit oxidativem Stress durch freie Radikale umzugehen (wichtig für gesundes Älterwerden), erhöht worden. Meine Telomere verlängerten sich, das sind Schutzkappen der Zellen, die den Verschleiß verhindern und im Alter kürzer werden.

Zurück in Hamburg der erneute Test im Aspria. Das Ergebnis: 37, weitere drei Jahre jünger. Ich denke, ich möchte doch noch mal fasten. Eines Tages, wenn ich alt bin.

So bleiben Sie länger jung

Heilfasten:
Bitte nur unter ärztlicher Betreuung, entweder ambulant oder in einer Klinik. Heilfasten nach Buchinger in Bad Pyrmont: zehn Tage ab 2540 €. 

Intervallfasten: 
Kostet nichts und lässt sich in den Alltag integrieren. Bester Rhythmus: 16:8 (16 Stunden fasten). 

Biohacking:
Geräte helfen dabei, Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu steuern. 

Ernährung: 
Das Polyamin Spermidin hilft bei der Zellerneuerung und steckt zum Beispiel in Weizenkeimen, Champi­gnons, Erbsen und Brokkoli. Gegen freie Radikale helfen Antioxidantien, die unter anderem in Beeren, Tomaten und Kaffee enthalten sind.

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