Dresden bis Prag

Moldau und Elbe, enge Täler und weite Blicke: Eine Bahnfahrt zwischen Dresden und Prag gleicht einer Sinfonie – und das seit nun genau 170 Jahren. Unser Autor ist die Route oft gefahren und fragte einen Lokführer, warum er ihrer Schönheit nie müde wird

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Tobias / Unsplash
Der Bahnhof Königstein im Elbsandsteingebirge

Prag, Hauptbahnhof. Die letzten Passagier:innen besteigen den EuroCity nach Dresden. Pavel Židlík, 62, den man mit seiner blonden Mähne eher für einen Rockstar als für einen Lokführer halten würde, blickt aus dem Führerstand. „Zuerst geht’s an der Moldau entlang“, ruft Židlík, der sich auf die Fahrt sichtlich freut. Kein Wunder: Die zweigleisige Strecke, die vor 170 Jahren eingeweiht wurde, ist nicht nur die wichtigste Bahnverbindung zwischen Tschechien und Deutschland, sie gilt auch als eine der schönsten Mitteleuropas. Židlík kennt hier jede Weiche, jeden Meter Schiene. Er ist seit 40 Jahren für die Tschechischen Bahnen unterwegs, seit fast 20 Jahren auf dieser 196 Kilometer langen Route. Und ist kaum zu bremsen, wenn er von der Fahrt durch den Elbdurchbruch spricht, von den Farbtönen des Elbsandsteins, der viele Bahnbauten der Region kennzeichnet, von den Burgen und Festungen über Moldau und Elbe. Oder vom Nebel in den Flusstälern, der im Herbst oft so dicht sei, dass er kaum die Schienen sehe, so Židlík. Doch natürlich kann er sich auf die Eisenbahntechnik verlassen.

Jaroslav Rudis
Historische Uhr im Grenzort Dolní Žleb

Židlík ist mit einer modernen Vectron-Lok unterwegs. Aber er erinnert sich gern an die „Knödelpressen“, wie die deutschen Lokführer:innen die kantigen Škoda-Loks nennen, die auf der Route Prag–Dresden fuhren, nachdem die Strecke in den 1980er-Jahren durchgehend elektrifiziert wurde. Mittlerweile rattern die Knödelpressen nur noch selten durchs Elbtal, bestenfalls sind sie als Güterloks im Einsatz. Die berühmten Knödel gibt es dagegen im Speisewagen, und sie sind köstlich.

Fragt man Židlík nach seinem Lieblingsort auf der Strecke zwischen Prag und Dresden, ist seine Antwort überraschend unromantisch – zunächst jedenfalls. „Das Kraftwerk bei Mělník“, sagt der Lokführer. „Die Rauchwolken, die die Schornsteine ausstoßen, sehen jedesmal anders aus, das Licht spielt dabei eine besondere Rolle. Deshalb überrascht mich dieses Spektakel immer wieder aufs Neue.“ Mělník ist aber auch aus einem anderen Grund von großem Reiz: Hier fließt die Moldau in die Elbe, die Bahntrasse befreit sich aus dem engen Tal und verläuft in einem großen Bogen um den Berg Říp. Für die Tschech:innen ist dies ein mythischer Ort: Einst hätten sich hier, heißt es, die Ersten von ihnen mit dem Urvater Čech angesiedelt. Keine schlechte Wahl. Unterhalb des Říp wird Hopfen für das tschechische Nationalgetränk Bier angebaut, später fallen Weinberge ins Auge. Bei Roudnice nad Labem kommt ein Fußballplatz in Sicht, der auf einer Elbinsel liegt: Hier wurde 1892 das erste Fußballspiel in Böhmen ausgetragen.

Jaroslav Rudis
Jugendstil-Empfangshalle des Prager Hauptbahnhofs. Die Inschrift „Praga mater urbium“ heißt „Prag, Mutter der Städte“

Wer die Zeit hat, sollte in Děčín aussteigen und mit der Regionalbahn weiterfahren, die auch in Dolní Žleb hält. Denn auf dem tschechischen Grenzbahnhof gibt es ein Technikdenkmal, das man im vorbeirauschenden Fernreisezug leicht übersieht: eine dreieckige „Nasenuhr“, nur wenige Jahrzehnte jünger als die Trasse selbst. Sie ist die letzte ihrer Art. Doch sie funktioniert wie eh und je, täglich zieht sie der Fahrdienstleiter von Hand auf. Was hat diese Uhr nicht alles gesehen: legendäre Schnellzüge wie den Balt-Orient-Express, den Pannonia-Express und den Vindobona, dessen Neuauflage seit Kurzem wieder Berlin mit Wien verbindet. Aber auch viele Soldatenzüge und solche, die Richtung Theresienstadt rollten. Die Nasenuhr sah ebenso Züge der Hoffnung – wie jene, mit denen im Herbst 1989 die DDR-Botschaftsflüchtlinge von Prag über Dresden in die Bundesrepublik fuhren.

Ruht der Verkehr, ist es still in Dolní Žleb. So wie auch ein paar Kilometer weiter in Schöna, dem deutschen Grenzbahnhof. Nähert sich aber ein Zug der Station, schallt das Geräusch wie ein Echo von den hohen Felswänden wider und füllt das ganze Elbtal. Für alle, die Züge lieben, ist das: Eisenbahnmusik! Bis der nächste Zug kommt, liegt dann wieder tiefe Ruhe über der Szenerie. Man lauscht dem Gezwitscher der Vögel und glaubt, die Elbe atmen zu hören.

Doch so idyllisch ist es nicht immer. Die Grenze zwischen den beiden Ländern ist auch eine Wettergrenze. „Während in Böhmen das Wetter schlecht ist, kann in Bad Schandau die Sonne scheinen, oder umgekehrt – das weiß hier jeder Lokführer“, sagt Židlík. Beim Elbhochwasser 2002 stand das Wasser bei Schöna sogar so knapp unter den Gleisen, dass er nicht wusste, ob er überhaupt nach Prag zurückkommen würde.

Peter von Felbert
„Schriftsteller Jaroslav Rudiš freut sich schon darauf, mit Lokführer Pavel Židlík von der Sauna in Bad Schandau aus Züge zu gucken. Rudiš hat soeben mit Nicolas Mahler die Graphic Novel „Nachtgestalten“ (Luchterhand, 18 €) veröffentlicht, im Herbst erscheint „Die Gebrauchsanweisung für Zugreisen“

Mit Bad Schandau passieren wir einen weiteren von Židlíks bevorzugten Orten: Normalerweise trifft er sich in der sächsischen Kleinstadt regelmäßig mit DB-Kolleg:innen in einer Therme. Man schwitzt in der Sauna, erzählt sich Bahngeschichten, schaut den Zügen am anderen Elbufer nach. „Von der Sauna aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Strecke – erst hier habe ich wirklich verstanden, wie schön sie ist“, sagt Židlík und lacht. Sprachprobleme gibt es keine: Deutsche Lokführer:innen, die auf der Strecke Dienst tun, lernen Tschechisch, die Tschech:innen ihrerseits Deutsch. Für den Job muss es sein, ganz nebenbei fördert es die Verbundenheit.

Židlík liebt aber nicht nur die Eisenbahn und die Sauna, sondern auch Musik. Er spielt Gitarre und vergleicht die Eisenbahnschienen gern mit Saiten, die er mit seinem Zug immer neu zum Klingen bringt. Natürlich weiß er auch, welchen Reiz „seine“ Strecke und die dramatische Landschaft gleich auf mehrere berühmte Komponisten ausübte. Die Burgruine Schreckenstein auf einem Felsvorsprung bei Ústí nad Labem zum Beispiel inspirierte Richard Wagner zu seiner Oper „Tannhäuser“. Die Moldau ist natürlich durch Bedřich Smetanas Werk weltbekannt geworden. Und Antonín Dvořák wuchs in Nelahozeves auf, einem kleinen Dorf gleich hinter den drei kurzen Tunneln bei Kralupy nad Labem. Schon als Kind war er von Eisenbahnen fasziniert, am Prager Hauptbahnhof freundete sich der Komponist mit den Lokführern an. Hätte er damals gelebt, Židlík wäre sicher einer von ihnen gewesen.

Jaroslav Rudis
Lokführer Pavel Židlík fährt Dresden–Prag seit mehr als 20 Jahren

Dresden kommt in Sicht, die gut zweieinhalbstündige Fahrt geht zu Ende. Pavel Židlík übergibt den Euro­City an seine deutschen Kolleg:innen und steuert selbst zwei Stunden später den Gegenzug zurück nach Prag. Vorbei an der Festung Königstein, an der Bahnhofsuhr von Dolní Žleb und auch an seinem Lieblingsort, dem Kraftwerk von Mělník. Welches Bild werden dessen Schornsteine wohl in den Himmel zaubern?

Anne Stiefel

Schreiben Sie uns!

Der Artikel hat Ihnen gefallen, Sie haben eine Frage an die Autorin/den Autor, Kritik oder eine Idee, worüber wir einmal berichten sollten? Wir freuen uns über Ihre Nachricht.

Teilen