Schön bequem

Nach vielen Rückmeldungen von Fahrgästen hat die DB die Sitze im ICE überarbeitet. Unser Reporter hat die neuen Polster ausprobiert, die nach und nach zum Einsatz kommen

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Ein neuer Sitz wird installiert
DB AG
Sitzumrüstung: Die ICE-4- und modernisierten ICE-3-Züge bekommen bequemere Polster

Es sind Plätze frei, viele Plätze. Doch der Wagen, der hier in einer Halle im hessischen Oberursel bereitsteht, ist nicht für den Zugbetrieb gedacht. Er ist ein Nachbau eines ICE-4-Modells mit allen Ausstattungsdetails: von den Lichtleisten über die Bildschirm­anzeigen bis zum Gepäckregal. Alles ist genau wie in einem echten Zug. Nur die Sitze geben ein merkwürdiges Bild ab. Die Reihen sind mit unterschiedlichen Varianten ausgestattet. „Wenn Sie wollen, können Sie hier alle Modelle einmal Probe sitzen, vom ICE 1 bis zum ICE 4“, sagt DB-Manager Oliver Wolf.

Wir befinden uns in einem sogenannten Mock-up, einem Nachbau eines ICE-4- Wagens, der vor allem dem Zweck dient, darin Platz zu nehmen. Nicht nur kurz, gern länger, um sich ein Urteil zu bilden. Sitzen und sagen, wie es einem gefällt. Nachdem die neuen ICE 4 in Betrieb gegangen waren, monierten manche Fahrgäste, dass die Sitze in den Zügen unbequem und zu hart seien. Eine Kritik, die ankam: „Wir haben das Feedback unserer Gäste aufgenommen und den Komfort optimiert.“

Wer Bahn fährt, möchte entspannt an sein Ziel kommen. Darüber entscheidet auch die Ergonomie des Sitzens, wenngleich das, was komfortabel ist, individuell unterschiedlich wahrgenommen wird. Um ein umfangreiches Meinungsbild zu erhalten, führte die DB auf Basis unterschiedlicher Prototypen Befragungen zur Sitzbequemlichkeit durch. Danach entwickelte sie zusammen mit dem Hersteller und einem auf Ergonomie spezialisierten Institut aus München drei Prototypen.

Zunächst bat man 600 Personen, in Oberursel unter Laborbedingungen für zwei Stunden auf den neuen Sesseln Platz zu nehmen. „Spüren Sie einen Unterschied?“, fragt Wolf, während ich den ursprünglichen ICE-4-Sitz und danach die neuen Varianten probiere. „Weicher – und man sitzt entspannter“, antworte ich. Wolf: „Das deckt sich mit den Reaktionen vieler Probanden, sie empfanden die neuen Varianten als bequemer.“ Im zweiten Schritt baute die DB Prototypsitze der 1. und 2. Klasse in den drei Varianten in einem ICE 4 und einem modernisierten ICE 3 ein und testete sie im Regelbetrieb. Dabei befragte man über mehrere Monate hinweg 5800 Fahrgäste. Die Testsitze waren nicht gekennzeichnet. Weil die identischen Bögen auch an Fahrgäste auf unveränderten Seriensitzen gingen, konnten die Ergebnisse miteinander verglichen werden.

Als Ergebnis der vielen Tests und Bewertungen entstand ein Nachfolge-modell, das nach einer coronabedingten Verzögerung seit Juli nach und nach in modernisierten ICE-3- und in ICE-4-Zügen zum Einsatz kommt. Dabei werden die neuen Komponenten innerhalb des Zugs an bereits bestehenden Gestellen gegen die älteren Versionen ausgetauscht. Gleichzeitig werden seit Herbst ICE-Züge ab Werk mit neuen Sitzen ausgestattet.

Beim Probesitzen in Oberursel bemerke ich schnell den Wandel von fest zu weich und insgesamt eine bessere Ergonomie. Das Nachfolgemodell hat neue Auflagen im Sitz- und Rückenpolster bekommen. Sie bestünden, erklärt Wolf, aus Memory-Schaum und passten sich der Körperform an. Um eine entspannte Ruheposition im Nacken­bereich zu unterstützen und den Bewegungsfreiraum im unteren Rückenbereich zu erhöhen, wurde die zuvor starke Polsterkontur im Bereich der Lendenwirbelsäule verringert. Wichtig dabei ist immer auch die Strapazierfähigkeit des Materials. Die Sitze sind rund 15 Jahre lang im Einsatz.

Der neue Komfort basiert auch auf einer großzügigeren Sitzfläche. Auch die Kopfpolster hat man angepasst und die starke Ausprägung der Wangen reduziert, um im Hinterkopf- und Schulterbereich mehr Raum zu gewinnen. „Wir haben an vielen Stellen optimiert“, sagt Wolf.

Wie bei den neuen Polstern setzt die DB bei ihren Angeboten verstärkt auf einen intensiven Kundendialog. „Die Einbindung von Probanden und Fahrgästen hat uns geholfen, noch besser auf die Wünsche unserer Kunden einzugehen“, so Manager Wolf.

An einigen dieser Wünsche arbeiten seine Kollegen bereits im Labor in Oberursel. Sie erproben Tablethalter am Sitz und neu gestaltete Gepäckregale. Sie gehen der Frage nach, wo der Getränkehalter am besten ange­bracht wird. Um das herauszufinden, öffnen sie auch künftig ihr Labor – beispielsweise zum Probesitzen.

Wie der Umbau der Sitze geschieht, können Sie sich in einem Video anschauen: DE Mehr Komfort - Bequemere Sitze im ICE 4 und modernisierten ICE 3

 

Dieser DB Report erschien erstmals in DB MOBIL 12/2020.

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